Von: Susanne Stähr

Entstehungszeit: 1855 – 1861, orch. 1937
Uraufführung: 7. Mai 1938 durch das Los Angeles Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Otto Klemperer
Dauer: 40 Minuten

  1. Allegro
  2. Intermezzo: Allegro ma non troppo – Trio. Animato
  3. Andante con moto – Animato – Tempo primo
  4. Rondo alla zingarese. Presto

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 22. Dezember 1980; Dirigent: Gustav Kuhn

Johannes Brahms war ein introvertierter und verschlossener Mensch. Weder neigte er dazu, seinen Werken ausschweifende Erklärungen beizugeben, noch liebte er es, über seine Gefühle zu sprechen. Was ihn umtrieb, verarbeitete er lieber in seiner Musik, die für ihn eine fast therapeu­tische Funktion einnahm. Das gilt besonders für seine drei Klavierquartette, die Brahms 1855 gleichzeitig in Angriff nahm. In einem Gespräch mit seinem Biografen Max Kalbeck gestand er, dass es sich bei diesen Dreien um ein Zeugnis seiner »Wertherperiode« handele. Damit spielte er auf Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers an, dessen Titelheld sich erschießt, weil seine geliebte Lotte einem anderen das Ja-Wort gibt. Mitte der 1850er-Jahre mag Brahms eine Seelenver­wandt­schaft zu dieser Romanfigur empfunden haben, weil er selbst unglück­lich in Clara Schumann verliebt war.

Das g-Moll-Klavierquartett, das die Reihe eröffnet, beginnt denn auch in tiefem Ernst, steigert sich bald leidenschaftlich und entlädt sich in schmerzhaften Ausbrüchen. Hoffnung leuchtet im Kopfsatz kaum auf – kein Wunder, dass er am Ende geradezu kollabiert. Was bleibt, ist ein verwundetes Herz, das im nachfolgenden Intermezzo noch heftig in Achteln pocht. Wehmut prägt den weltentrückten dritten Satz, Andante con moto, der wie von höherer Warte auf das erbärmliche Erdenleben herabblickt, in seinem marschartigen Mittelteil jedoch trotzig aufbegehrt. Das rasante Fina­le, ein Rondo alla zingarese, bietet passend dazu einen wilden Tanz, der aber nicht übermütig wirkt, sondern manisch und fast schon verbissen durchexerziert wird.

Dabei kann man dieses Klavierquartett auch viel nüch­terner als absolute Musik deuten. Dann beeindruckt Brahms’ Kunst, aus einem einzi­gen Gedanken eine Fülle motivischer Gestalten abzuleiten. Arnold Schönberg, der ein großer Verehrer des älteren Kollegen war, hat diese Technik als »entwickelnde Variation« bezeichnet. 1933, zum 100. Geburtstag seines Idols, hielt er einen berühmten Vortrag, den er später unter dem Titel Brahms, der Fortschrittliche veröffentlichte. Mit dieser Bewertung stand er quer zum Zeitgeist, der Brahms als Inbegriff eines Konservativen einstufte. Ausgerechnet Schönberg, der mit der Zwölftonlehre eine neue »Grammatik« für die Musik erfunden hatte und als Speerspitze der Avantgarde galt, leitete also ein Umdenken ein.

Und er beließ es nicht bei Worten. 1937, mittlerweile im amerikanischen Exil, nahm er sich Brahms’ Klavierquartett g-Moll vor und arrangierte es für Orchester. Als Schönberg gefragt wurde, warum er gerade dieses Werk gewählt habe, antwortete er: »1. Ich liebe das Stück. 2. Es wird selten gespielt. Und 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist desto lauter spielt, je besser er ist, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht.« Dennoch muss sein Respekt vor Brahms enorm gewesen sein: Schönberg beließ bei seiner Orchestrierung den originalen Tonsatz fast unverändert. Der Unterschied ist gleichwohl frappierend.

Schönberg setzt ganz andere instrumentale Effekte und Reizmittel ein, als es Brahms selbst bei seinen vier Symphonien praktizierte. Die Bearbeitung bietet reiches Schlagwerk auf mit Glockenspiel, Xylofon, Becken, großer und kleiner Trommel, Triangel und Tamburin; sie verwendet die schrille Es-Klarinette oder lässt die Posaunen Glissandi spielen, als sei Brahms ein Wegbereiter von Béla Bartók. Manchmal erinnert es fast an eine Kirmes oder an Filmmusik. Unterhaltsam aber ist es allemal: Schönbergs Brahms-Projekt avancierte zu seinem erfolgreichsten Orchesterwerk. Auch wenn es mitunter zu Irrtümern führte: »Ich weiß gar nicht, warum die Leute sagen, Schönberg hat keine Melodien. Das war doch sehr melodisch«, bemerkte der Manager des Los Angeles Philharmonic Orchestra nach der Uraufführung im Mai 1938 …