Von: Malte Krasting

Igor Strawinsky »Pulcinella«, Suite (revidierte Fassung von 1949)

Entstehungszeit: 1922, rev. 1949
Uraufführung: 22. Dezember 1922 in Boston durch das Boston Symphony Orchestra, Dirigent: Pierre Monteux
Dauer: 24 Minuten

  1. Sinfonia (Ouverture)
  2. Serenata
  3. a) Scherzino - b) Allegro - c) Andantino
  4. Tarantella
  5. Toccata
  6. Gavotta con due variazioni
  7. Vivo
  8. a) Minuetto - b) Finale

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 28. Juni 1952 im Jagdschloss Grunewald, Berlin, unter der Leitung von Fritz Lehmann

Im Frühjahr 1917 lernte Igor Strawinsky in Rom den spanischen Maler Pablo Picasso kennen. Die beiden Künstler fanden sich auf Anhieb sympathisch: »Wir reisten zusammen nach Neapel und verbrachten dort einige Wochen in ständigem Umgang. Wir waren beide tief beeindruckt von der Commedia dell’Arte, die wir in einem überfüllten, von Knoblauch dampfenden kleinen Raum sahen. Der Pulcinella war ein großer betrunkener Tölpel, und jede seiner Bewegungen, wahrscheinlich auch jedes Wort, wenn ich es verstanden hätte, war obszön.« In diesem von Strawinsky erinnerten Erlebnis liegt der Ursprung von Pulcinella, jenem Ballett, das beide – Strawinsky als Komponist und Picasso als Bühnen- und Kostümbildner – wenige Jahre später für die Compagnie der Ballets Russes in Paris erschaffen sollten; dort weniger drastisch als auf der alkoholgeschwängerten Kneipenbühne, und mehr in stilisierter Distanz. Für Sergej Diaghilew, den Gründer und Leiter der »russischen Ballette«, hatte Strawinsky schon mehrere Partituren geschrieben, die seinen Weltruhm begründeten, vor allem den Feuervogel, Petruschka und LeSacre du printemps. Inzwischen war Diaghilew darauf verfallen, das Publikum bei seiner Vorliebe für Vertrautes zu packen: Er ließ Stücke älterer Komponisten neu zusammenstellen und arrangieren, wobei er etwa auf Domenico Scarlatti (Die gutgelaunten Frauen, bearbeitet von Vincenzo Tommasini) oder Gioachino Rossini (Der Zauberladen, bearbeitet von Ottorino Respighi) zurückgriff.

1919 bat Diaghilew Strawinsky, »ein neues Stück herauszubringen über die Musik eines anderen berühmten Italieners, den ich, wie er wusste, schätzte und bewunderte: Pergolesi«. Dies war eine nachträgliche Stilisierung, denn der Komponist fand es zunächst abwegig, sich mit der Musik eines halbvergessenen italienischen Barockkomponisten abzugeben – bald aber erkannte er in ihr ungeahntes Potenzial. Am Ende lieferte er statt »einer peinlich gesitteten Instrumentation von etwas sehr Lieblichem«, wie sie der Auftraggeber erwartete, etwas durchaus anderes. Lässt Strawinsky Melodien auch weitgehend unangetastet, ist schon die Instrumentierung grell, geradezu frech; und ins geometrische Gleichmaß des Barock schneidet er Asymmetrien hinein, stellt – indem er einzelne Takte oder Taktteile entfernt – der Musik ein Bein, sodass sie ins Stolpern gerät. Zudem schärft er die gemütlichen Kadenzen durch Übereinanderschichten verschiedener Tonarten und beschleunigt das Tempo bis ins Rasante. Verstand man Strawinskys Partitur damals als reine Orchestrierung ohne eigenen schöpferischen Anteil, gilt Pulcinella heute als Vorbote der neoklassischen Epoche in der Musik: Strawinsky machte »Musik über Musik«. Das Szenarium, vom Choreografen (und Tänzer der Titelpartie) Léonide Massine nach einer historischen Vorlage entworfen, spielt ähnlich frei mit Elementen der traditionellen Commedia: Zwei junge Frauen wenden sich von ihren Verlobten ab und machen dem attraktiven Pulcinella schöne Augen; der muss sich vor Attacken auf Leib und Leben retten und zugleich die Eifersucht seiner Freundin Pimpinella überwinden, um endlich alle drei Paare glücklich zusammenzuführen.