Entstehungszeit: 1909-1910
Uraufführung: 25. Juni 1910 an der Pariser Opéra durch Sergej Diaghilews Ballets Russes unter der musikalischen Leitung von Gabriel Pierné
Dauer: 45 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 2. November 1922, Dirigent: Gustav Brecher
Im Mai 1910 betrat der 27-jährige, noch ziemlich unbekannte Russe Igor Strawinsky zum ersten Mal die Kulturmetropole Paris. Auf ihn wartete ein Auftragswerk namens Der Feuervogel (L’Oiseau de feu) – Strawinskys folgenreicher Beitrag zum Ballett, einer Gattung, die er nach eigener Aussage »mehr liebte als alles andere«.
Der mit einer untrüglichen Spürnase gesegnete Impresario Sergej Diaghilew hatte den jungen Mann für die legendäre Compagnie der Ballets Russes entdeckt und ihn zunächst mit einer Chopin-Bearbeitung ausgetestet. Als der ursprünglich vorgesehene Komponist Anatoli Ljadow für das neue Projekt des Feuervogels absagte, schlug Strawinskys Stunde. Mit Feuereifer stürzte er sich in die Arbeit, entflammt von der geistigen Libertinage der Truppe, hochmotiviert gleichermaßen durch den Wunsch, sich »dieser Gruppe fortschrittlicher und tatkräftiger Künstler anzuschließen« wie durch die Sehnsucht, internationales Flair zu erleben. Diaghilews Prophezeiung, hier sei »ein Mann am Vorabend seines Ruhms«, bewahrheitete sich. Die triumphale Uraufführung des Feuervogels im Juni 1910 an der Pariser Opéra machte Strawinsky über Nacht zum Star.
Das Libretto nach einem Märchen von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew hat nach Erinnerung des Komponisten viele Väter: den Choreografen Michail Fokin, der auch den Iwan Zarewitsch tanzte, Diaghilew und seinen Tänzerfavoriten Vaslav Nijinsky sowie die Bühnenbildner Alexandre Benois und Léon Bakst. Dieser Kreativitätscocktail rührte russische Märchenmotive in verschwenderischer Fülle zusammen – den geheimnisvollen Feuervogel, den bösen Zauberer, die gefangenen Prinzessinnen und den rettenden Märchenprinzen.
Die Handlungsstränge des Balletts lassen sich in der gestischen Musik gut verfolgen: In der schillernden Introduktion werden die beiden Motive des magischen Feuervogels und des Zauberers Kaschtschei miteinander verwoben. Die betörend flirrende, mit orientalisierenden Arabesken angereicherte Klangwelt des Feuervogels macht Anleihen bei der Harmonik und Instrumentation Debussys, während die dunklen Klangfarben und verminderten Akkorde des Zauberers, verbunden mit der Bevorzugung der tiefen Bläser, seit jeher für die Welt des Bösen verwendet werden. Die Kaschtschei-Musik geht außerdem auf eine »magische Leiter« aus großen und kleinen Terzen zurück, die schon Strawinskys Lehrer Rimsky-Korsakow verwendet hat.
Der Held Iwan Zarewitsch fängt den Feuervogel ein, lässt ihn aber wieder frei und erhält zum Dank eine goldene Feder, die ihn vor Gefahr schützen soll. Die von Kaschtschei gefangenen Prinzessinnen tanzen im Garten des Zauberers vor einem Goldapfelbaum einen Reigen. Dessen Oboenkantilene geht auf ein Volksliedzitat aus der Sammlung von Rimsky-Korsakow zurück.
Iwan verliebt sich in die schöne Prinzessin Zarewna. Für die Sphäre der Menschen verwendete Strawinsky im Unterschied zur Chromatik der fantastischen Welt diatonisch bestimmte Modelle und Elemente aus der russischen Folklore. Iwan wird von Kaschtschei gefangen genommen und ruft mithilfe der Feder den Feuervogel herbei. Die magische Kraft des gefiederten Geschöpfs bezwingt den Zauberer und sein Gefolge in einem »Höllentanz«, dessen effektvolle Tuttiblöcke und archaische Synkopen bereits eine Vorahnung des Sacre du printemps heraufbeschwören. In der »Berceuse« beruhigt sich das Geschehen: Der böse Zauberer fällt in tiefen Schlaf und wird entmachtet. Ein feierlicher Hymnus im ungewöhnlichen 7/4-Takt beschließt das Happy End für Iwan und Zarewna. Mit einer Apotheose des Feuervogelmotivs in den Blechbläsern klappt der junge Strawinsky seine farbenprächtige Partitur zu, die er später mit einem Schuss Selbstironie als »Bonbon für die Hörer« bezeichnete.