Von: Anselm Cybinski

Entstehungszeit: 1979
Uraufführung: 22. April 1980 in Zürich durch das Tonhalle-Orchester, Dirigent: Gerd Albrecht
Dauer: 20 Minuten

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 25. März 1982 unter der Leitung des Komponisten

In seiner Autobiografie Reiselieder mit böhmischen Quinten berichtet Hans Werner Henze von der Verzweiflung über sein eigenes Altern in den späten 1970er-Jahren. Ständig wiederkehrende Gedanken an den Tod begleiteten die rastlosen Reisen des damals rund 50-jährigen Komponisten und Dirigenten. Akute Herzprobleme erzwangen im April 1978 die Einweisung in die Rettungsstation eines Wiener Spitals; den Transport dorthin erlebte er als »etwas Grauenvolles, als wären wir schon im Totenreich«. Hinzu kam der Verlust wichtiger Förderer und Freunde des Komponisten. Im März 1976 starb der Regisseur Luchino Visconti, im Juni 1979 folgte Paul Dessau, der führende Komponist der DDR. Er hatte sich Ende der 1940er-Jahre intensiv um Henze gekümmert, als dieser einen Selbstmordversuch hinter sich hatte, und seither verband beide eine enge Freundschaft.

All dies geht in das groß besetzte Orchesterwerk Barcarola ein, das Henze im Sommer 1979 im Auftrag der Tonhalle-Gesellschaft Zürich komponierte. Der dröhnende Ton »Des« im Bassregister, mit dem das Stück zum schicksalsschweren Rhythmus der Basstrommel einsetzt, erinnert an den Nachnamen des Ost-Berliner Freundes. Der Titel bezieht sich auf das Boot von Charon, dem Fährmann der griechischen Mythologie, der die Schatten der Toten über den Styx zum Hades bringt. Mit Charon hat sich Henze kurz zuvor schon in seinem Ballett Orpheus auseinandergesetzt. Nun verknüpft er den Satztypus des venezianischen Gondelliedes – meist im 6/8-Takt mit weich schaukelnder Mollmelodik – mit dem uralten Bild der Seelenreise ins Jenseits. »Das musikalische Material wird auf eine Art verwandelt und verändert und entwickelt, die man mit den mentalen Vorgängen im Kopfe eines Sterbenden vergleichen könnte, in dem Erinnerungen und neue Einsichten entstehen«, schreibt Henze in seinem Werkkommentar.

Die hoch expressive Klangsprache von Barcarola basiert auf der Verwendung von Zwölftonreihen und einer stark dissonanten Harmonik. Ihre weit gespannten Melodiebögen und die plastische Arbeit mit instrumentalen Registern erzeugen eine unmittelbare Suggestivkraft. Henze stellt sich in eine künstlerische Ahnenreihe von Monteverdi über Wagner und Mahler bis Alban Berg. Anders als die Avantgardisten seiner Generation will er mit seiner Musik unbedingt verstanden werden. Daher arbeitet er bewusst mit klingenden »Kennworten«, die »eine Verständigungsbrücke« bilden sollen. In der Barcarola sind dies neben den an Monteverdi erinnernden Blechbläserfanfaren, die das Signal des Fährmanns Charon versinnbildlichen, vor allem ein Zitat des populären englischen Eton Boating Song in den Harfen – für den politisch links orientierten Komponisten repräsentiert das Lied die Verkommenheit der herrschenden Klasse. Eine »sprechende« Wirkung besitzen auch die elegischen Barkarolen-Gesänge, die vor allem zwischen tiefen Streichern und Holzbläsern pendeln. Nach dem Höhepunkt der großen Finalsteigerung hat Henze noch ein Zitat aus dem Vorspiel zum dritten Akt von Wagners Tristan eingefügt: Zwei dem Tode Nahe grüßen einander von Ferne. Das erlösende Ufer ist da fast schon in Sicht.