Von: Frederik Hanssen

Entstehungszeit: 1878-1880
Uraufführung: 4. März 1989 in Cincinnati, USA, durch das Cincinnati Philharmonia Orchestra, Dirigent: Gerhard Samuel
Dauer: 60 Minuten

  1. Alla breve
  2. Sehr langsam
  3. Scherzo: Frisch und lebhaft
  4. Sehr langsam – belebt

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 27. September 2007 unter der Leitung von Neeme Järvi

Hier stellt ein junger Mann sein Licht nicht unter den Scheffel: Mit einer fast einstündigen Symphonie will Hans Rott ins Rampenlicht treten, im Alter von 22 Jahren. Doch die Türen des Wiener Musikvereins bleiben ihm verschlossen. Er wird verrückt darüber und stirbt 1884, vier Jahre später, in der Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt. Ein Jahrhundert später, Ende der 1980er-Jahre, taucht die Partitur seiner Ersten Symphonie wieder auf, in den Archiven der Österreichischen Nationalbibliothek – und die Klassikwelt reibt sich die Ohren. Hans Rotts Musik klingt nach Schumann, Wagner, Bruckner – und Gustav Mahler. Besonders im Scherzo gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zum zweiten Satz der Ersten Symphonie Mahlers, die allerdings erst acht Jahre später entstanden ist. Muss die Musikgeschichte umgeschrieben werden?

In der Tat saßen Mahler und Rott gemeinsam in der Kompositionsklasse von Franz Krenn, sie waren Freunde, tauschten sich intensiv aus. »Er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen«, soll Mahler gesagt haben. So hat es jedenfalls seine enge Freundin Nathalie Bauer-Lechner berichtet. Als »Begründer der neuen Symphonie, wie ich sie verstehe« bezeichnete er seinen früh verstorbenen Freund. Um hinzuzufügen: »Allerdings ist das, was er wollte, noch nicht ganz erreicht. Es ist, wie wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht völlig ans Ziel hintrifft.« Johannes Brahms war da brutaler. Er bemängelte an der Partitur, dass »da neben so Schönem wieder so viel Triviales oder Unsinniges in der Composition ist«. Beide treffen den Punkt: Hans Rotts Symphonie hätte der Beginn einer großen Karriere sein können. Sie ist das Werk eines zweifellos hochbegabten Anfängers, jedoch kein genialer Wurf von stilbildender Wirkung. Dennoch fügt sie der österreichischen Musikgeschichte am Ende des 19. Jahrhunderts eine interessante Facette hinzu.

Der Kopfsatz entstand bereits 1878. Kurz nach seinem 20. Geburtstag reichte Rott ihn beim Kompositionswettbewerb seines Konservatoriums ein – und erhielt keinen Preis. Das Thema ist groß dimensioniert, 28 Takte lang, hymnisch, ganz romantischer Überschwang. Viel Dekoratives ist im weiteren Verlauf zu hören, es drängen sich Assoziationen an die vor Stuck überbordenden Fassaden der zeitgleich entstehenden Wiener Ringstraße auf. 

Wie eine Orgelimprovisation wirkt der langsame zweite Satz über weite Strecken, schwerblütig und dunkel grundiert, gespickt mit barocken Wendungen à la Händel. Rotts Kompositionslehrer Hans Krenn hat fast ausschließlich Sakralmusik geschrieben, im Orgelspiel wurde der Student von Anton Bruckner unterrichtet, der Rott in den höchsten Tönen lobte. Am Ende öffnet sich die Musik in eine mystische Jenseitsvision. Das Scherzo ist der Grund, warum man diese Symphonie unbedingt kennenlernen sollte: Hier ist Hans Rott durchweg originell, juvenil-kraftvoll, alles klingt unerhört innovativ für das Entstehungsjahr 1880. Und verblüffend nach Gustav Mahler, wenn sarkastische Ländler auf liebliche Walzer treffen.

Wie bei vielen Symphonien Bruckners ist auch bei Rott das Finale der gewichtigste Satz, wie sein Vorbild webt er Reminiszenzen an Vorangegangenes ein. Hier wird hörbar, dass sich der junge Komponist während der Entstehungszeit der Symphonie weiterentwickelt hat, dass er künstlerisch immer mutiger wurde. Ausufernd und rhapsodisch startet das Finale, frei assoziativ, als Ideencollage. Nach der Hälfte des Weges allerdings fällt Rott dann doch in konventionelle Muster zurück und arbeitet sich recht akademisch an einem pathetisch-pompösen Marschthema ab. Zum Glück endet er nicht dröhnend, sondern mit einem Erlösungsschluss im Pianissimo, ästhetisch nahe an Wagners Parsifal.