Von: Malte Krasting

Entstehungszeit: 1906-1907
Uraufführung: 12. September 1910 in der Neuen Musikfesthalle, München, mit den Münchner Philharmonikern, Dirigent: Gustav Mahler
Dauer: 85 Minuten

  1. Erster Teil: Hymnus »Veni, creator spiritus«. Allegro impetuoso
  2. Zweiter Teil: Schluss-Szene aus »Faust«. Poco Adagio

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 17. Mai 1912 im Zirkus Schumann unter der Leitung von Willem Mengelberg

Die Achte Symphonie von Gustav Mahler ist ein Gipfelpunkt nicht nur seines eigenen Schaffens, sondern der Gattung überhaupt. Im Grunde markiert sie sogar die Kulmination zweier musikalischer Genres, der Symphonie und des Oratoriums, denn sie verknüpft die Elemente, wie es Ludwig van Beethoven vorgebildet hat: in seiner Neunten Symphonie – die erstmals auch die menschliche Stimme einbezieht – und in seiner Missa solemnis – die den geistlichen Text in eine symphonische Struktur integriert. Einerseits erklimmt Mahlers Achte in Ausmaß und im Aufgebot der ausführenden Kräfte rekordverdächtige Höhen – den vom Uraufführungsveranstalter Emil Gutmann geprägten Begriff »Symphonie der Tausend« akzeptierte der Komponist allerdings nur zähneknirschend als vorübergehende Werbemaßnahme. Andererseits rührt sie an die Tiefen von Mahlers Weltanschauung und seiner religiösen und philosophischen Überzeugungen.

Ursprünglich plante Mahler ein viersätziges Werk, verzichtete dann jedoch auf die üblichen beiden Binnensätze und weitete den ersten und letzten zu zwei gewichtigen »Teilen« aus. Der erste von ihnen basiert textlich auf einem Pfingsthymnus aus dem 9. Jahrhundert, der zweite auf der letzten Szene aus Faust II. Diese vermeintlich widersinnige Zusammenstellung wurde womöglich von einer Bemerkung Goethes in dessen Maximen und Reflexionen angeregt, wo der Text des Hymnus mit der im Faust behandelten Genieästhetik in Beziehung gesetzt wird: »Der herrliche Kirchengesang: ›Veni, creator spiritus‹ ist ganz eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und kraftreiche Menschen gewaltig anspricht.«

Der Musikwissenschaftler Richard Specht skizzierte in einer noch von Mahler selbst angeregten »Thematischen Analyse« die »symphonische Struktur des riesenhaften ersten Satzes«. Dieser gliedere sich in einen klar umrissenen ersten Teil, eine Durchführung mit großer Doppelfuge, eine Reprise und eine Coda (mit dem »Gloria«-Einsatz des Knabenchors). Im »äußerlich vielleicht etwas rhapsodischer wirkenden zweiten Teil« seien die Untergruppen Andante (»Waldung, sie schwankt heran« und die Gesänge der Patres), Scherzo (»Jene Rosen«) und Finale zu unterscheiden – »mit dem überirdisch geheimnisvollen Chorus mysticus als krönenden und abrundenden Epilog«. Beide Teile sind auch musikalisch verbunden: Der zweite wird in seiner Thematik fast gänzlich durch den ersten bestimmt. Seine Motive sind aus denen des ersten herausgewachsen und entfalten sich erst hier ganz. Im Orchesternachspiel erstrahlt das Hauptthema noch einmal glanz- und prachtvoll – als wolle es einlösen, was die frühere Anrufung des »creator spiritus« erbeten hatte: die das Diesseits überwindende Inspiration durch den Schöpfergeist.

In der Zeit zwischen der Fertigstellung des Werks 1907 und seiner Uraufführung im September 1910 ereigneten sich gewichtige Veränderungen in Mahlers Leben. Nach jahrelangen, zermürbenden Pressekampagnen war er 1907 vom Amt des Wiener Hofoperndirektors zurückgetreten; im selben Jahr musste er den Tod der älteren Tochter Maria Anna ebenso verkraften wie die Diagnose, selbst schwer herzkrank zu sein. Neben neuen Aufgaben in den USA und Dutzenden Auftritten auch in Europa komponierte er das Lied von der Erde und die Neunte Symphonie und dirigierte nach langem Zögern die Uraufführung der Siebten. Nicht zuletzt erfuhr er im Sommer 1910 von der Affäre seiner Frau mit dem jungen Architekten Walter Gropius. Der tief erschütterte Mahler widmete ihr daraufhin die Achte Symphonie, und um den Schock zu überwinden, konsultierte er keinen Geringeren als Sigmund Freud. Dieser gab ihm offenbar so viel Selbstvertrauen zurück, dass Mahler die Herausforderung wagte, das gewaltige Werk als Dirigent der Öffentlichkeit vorzustellen. Die Uraufführung der Achten in München sollte zu seinem wohl größten Triumph zu Lebzeiten werden.