Entstehungszeit: 1901-1902
Uraufführung: 18. Oktober 1904 in Köln durch das Gürzenich-Orchester unter der Leitung des Komponisten
Dauer: 76 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 20. Februar 1905 unter der Leitung von Arthur Nikisch
Der Anfang gehört der Solotrompete. In schneidendem Ton, strahlend, fast militärisch erhebt sie ihre Stimme. Das hat Glanz, das ist mächtig, das gebietet Aufmerksamkeit und signalisiert: Es gibt Gewichtiges mitzuteilen in den nächsten rund 70 Minuten, die Gustav Mahler seiner Symphonie Nr. 5 gönnt. »Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen.« So hat er es seiner Künstlerfreundin Natalie Bauer-Lechner während der Komposition seiner Dritten anvertraut – und es ist zum Leitgedanken für sein gesamtes symphonische Werk geworden. Vielleicht hat das Freundespaar auch 1901 darüber diskutiert, als es gemeinsam die Sommerfrische in Maiernigg am Wörthersee verbringt und Mahler erste Skizzen einer neuen Symphonie anfertigt. Es wird seine fünfte, und sie markiert tiefe Einschnitte in Mahlers Biografie.
Vier Symphonien hat Mahler bereits in sein Werkverzeichnis eingetragen. Die letzte ist noch nicht einmal uraufgeführt, als er wieder eine in Angriff nimmt – mit der einiges anders werden soll. In all seinen Symphonien hat er sich bislang von verschiedensten literarischen Quellen programmatisch inspirieren lassen. Nun aber wendet er sich vehement von diesem Ansatz ab: »Fort mit den Programmen, die falsche Vorstellungen erzeugen«, verkündet er. »Man lasse dem Publikum seine eigenen Gedanken über das aufgeführte Werk.« Hat er bisher seinen Tönen Interpretationshilfen beigegeben, ist er jetzt überzeugt: »Es bedarf nicht des Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt.«
Hat Mahler vielleicht in seinen ersten vier Symphonien dafür geübt, wie sich Wortsprache in Musik übersetzen lässt, um sie in der Fünften nun komplett weglassen zu können? Stattdessen scheint er auf Volkstümliches zu setzen – Marsch, Walzer, einfache Liedformen. Mahler greift auf Stereotype zurück, die er freilich in seine Sprache umformuliert und deren womöglich triviale Anrüchigkeit er mit Groteske, Überspanntheit oder auch tiefer Ernsthaftigkeit konterkariert. Einerseits stilisiert und überhöht er sie, andererseits erdet er mit ihnen seine Kunst und öffnet sie dem alltäglichen Erleben seiner Zeitgenossen und rührt damit an das allgemein Menschliche.
Doch kein Mahler ohne großes Aber: Mit herkömmlichem Form- und Satzverständnis ist dieser Symphonie nicht beizukommen. Gleich zu Beginn stürzt er seine Hörer in großes Unbehagen: Ein Trauermarsch zur Eröffnung? Das muss verwirren. Mit der Fünften verabschiedet sich Mahler vollständig von klassisch-romantischen Formkonventionen. Drei »Abteilungen« bilden das Gerüst seiner Symphonie und umfassen fünf Sätze. Jeder ist in sich abgeschlossen, wie Mahler betont; jeder ist autark und mit den anderen »nur in der verwandten Stimmung verbunden«. Im Zentrum steht der umfangreichste Satz, der mit seiner ausgelassenen Stimmung eigentlich ein Angebot an die Hörer sein könnte. »Das Scherzo ist ein verdammter Satz!«, musste Mahler allerdings zugeben. »Das Publikum – o Himmel! –, was soll es zu diesem Chaos, das ewig auf’s Neue eine Welt gebärt, die im nächsten Moment wieder zu Grunde geht, zu diesen Urweltsklängen, zu diesem sausenden, brüllenden, tosenden Meer, zu diesen tanzenden Sternen, zu diesen veratmenden, schillernden, blitzenden Welten für ein Gesicht machen?«
Nicht nur die symphonische, auch Mahlers persönliche Welt wird während der Entstehungszeit seiner Fünften einmal komplett durchgerüttelt. Wie eine Urgewalt tritt Alma Schindler in sein Leben. Später wird der Dirigent Willem Mengelberg zum Adagietto der Fünften berichten: »Statt eines Briefes sandte er ihr dieses im Manuskript, weiter kein Wort dazu. Sie hat es verstanden und schrieb ihm: Er solle kommen!!!«