Von: Susanne Stähr

Gustav Mahler Symphonie Nr. 3 d-Moll

Entstehungszeit: 1895-1896
Uraufführung: 9. Juni 1902 in Krefeld unter der Leitung des Komponisten; vorangegangene Aufführungen einzelner Mittelsätze, zum Beispiel des zweiten Satzes durch Arthur Nikisch am 9. November 1896 mit den Berliner Philharmonikern
Dauer: 94 Minuten

  1. Kräftig. Entschieden
  2. Tempo di Menuetto. Sehr mäßig
  3. Comodo. Scherzando. Ohne Hast
  4. Sehr langsam. Misterioso. Durchaus ppp
  5. Lustig im Tempo und keck im Ausdruck
  6. Langsam. Ruhevoll. Empfunden

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals vollständig am 14. Januar 1907, Dirigent: Gustav Mahler

Diese Symphonie übertrifft in ihren Dimensionen alles, was es zuvor gab: Gustav Mahlers Dritte kommt auf die stattliche Spieldauer von gut 90 Minuten und bietet statt der üblichen vier gleich sechs Sätze auf. Rund 200 Mitwirkende – das groß besetzte Orchester, ein Frauen- und ein Knabenchor sowie eine Altistin – stellen sich auf dem Podium ein. »Kolossal« nannte man so etwas in der Gründerzeit, als das Werk entstand. Auch inhaltlich griff Mahler zu den Sternen. Die Symphonie erzählt eine Schöpfungsgeschichte und setzt die ganze Welt in Klänge.

Mahler, damals Erster Kapellmeister am Hamburger Stadttheater, schuf sie während seiner Theaterferien in den Sommern 1895/96, die er in Steinbach am Attersee verbrachte. Zum Arbeiten hatte er sich direkt am Ufer ein Komponierhäuschen einrichten lassen, das ihm freie Sicht auf das Wasser und das Höllengebirge eröffnete. Und dieser Blick auf die schroffen Felswände inspirierte ihn zum Beginn der Symphonie, der die unbelebte Natur darstellt: die Welt im Urzustand. »Was mir das Felsgebirge erzählt«, wollte Mahler den Kopfsatz zunächst nennen: »Das ist schon beinahe keine Musik mehr, das sind fast nur Naturlaute. Und schaurig ist, wie sich aus der starren Materie heraus allmählich das Leben losringt.« Mahler lässt dabei die unerbittlichen Klänge des Anfangs in einen Marsch von provokantem Frohsinn münden. »Der Sommer zieht ein«, vermerkte er zu dieser Entwicklung, die den Weg für Pflanzen, Tiere und Menschen ebnet.

»Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen«, schildert Mahler im zarten zweiten Satz, den er für das Unbekümmertste hielt, was er je geschrieben habe. Die Oboe stimmt ein zierliches, rokokohaftes Thema an, die Bässe zupfen, das schwere Schlagwerk schweigt. Sanft werden die Pflanzen vom Wind liebkost – nur hin und wieder lässt Mahler sie von einer stärkeren Böe durchschütteln. Das nachfolgende Scherzo führt in volkstümliche Gefilde, mit Zitaten aus Mahlers Wunderhorn-Lied Ablösung im Sommer. Darin beklagen die Tiere im Wald, dass der Kuckuck gestorben ist, der sie immer so gut unterhalten hat. Mit der Nachtigall ist aber bald Ersatz gefunden … Wie gefährdet die Tierwelt ist, unterstreicht Mahler mit einem riesigen Trompetensolo in der Mitte des Satzes, das aus der Ferne ins Geschehen tönt. »Die Tiere erblicken den ersten Menschen und ahnen, obwohl er ruhig an den Entsetzten vorüberschreitet, künftiges Unheil von seiner Seite«, erläuterte Mahler diese sogenannte »Posthornepisode«.

Und dann, im verschatteten vierten Satz, steht der Mensch im Mittelpunkt. Auch er ist sterblich, so sehr er sich nach Unendlichkeit sehnen mag. Mahler greift das Dilemma mit einem Gedicht von Friedrich Nietzsche zu den von der Altistin vorgetragenen Versen auf: »Doch alle Lust will Ewigkeit! / Will tiefe, tiefe Ewigkeit«. Kann die Religion, kann der Glaube Abhilfe aus dem Dilemma schaffen? Wieder bringt Mahler ein Wunderhorn-Lied, diesmal mit der Geschichte des geretteten Sünders Petrus. Dazu ertönt eine himmlisch-naive Musik: »Bimm-bamm«, singt der Kinderchor und lässt die Glocken läuten.

Doch Mahler weiß: Die Religion ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Die höchste Lebensform, die er am Ende seiner Schöpfungsgeschichte im Finale präsentiert, ist für ihn die Liebe. Allein in ihr wollte Mahler Gott erkennen. Um diesen Gedanken zu vertonen, komponierte er ein Adagio mit schier endlosen Melodien, die sich in größter Ruhe verströmen – wie entrückt. Die Zeit scheint stehenzubleiben, die Endlichkeit überwunden, die menschliche Begrenztheit aufgehoben. Mahler steigert seine betörenden Themen zu einem hymnisch-ekstatischen Gesang und wendet die Grundtonart d-Moll in jubilierendes D-Dur. Das Licht hat gesiegt, das Gute gewonnen.