Entstehungszeit: 1888-1894
Uraufführung: Erste vollständige Aufführung der Symphonie am 13. Dezember 1895 mit den Berliner Philharmonikern und Mahler als Dirigent.
Dauer: 88 Minuten
Als wäre es ein Fortsetzungsroman: Gustav Mahlers Zweite Symphonie beginnt genau dort, wo die Erste aufhört, nämlich mit dem Tod des Helden. Hatte Mahler ihn im Finale der Ersten noch vom irdischen Jammertal ins himmlische Paradies begleitet, wirft er nun den Blick auf die Hinterbliebenen. Sie versammeln sich um den Sarg des Verstorbenen: Die Stimmung ist gedrückt, ein Trauermarsch klingt an, und dazu bringt Mahler massive Klangballungen, die für das unerbittliche Schicksal stehen. Aber zwischendurch kommt es auch zu kurzen Aufhellungen – die Frage, ob das Leben wirklich schon vorüber sei oder nicht doch noch weitergehen könne, steht im Raum. Unter dem Titel Totenfeier komponierte Mahler 1888, noch während er an der Ersten Symphonie arbeitete, den Kopfsatz der Zweiten. Doch dann ließ er das Projekt für fünf Jahre ruhen.
Auch in der Symphonie ist dieser Einschnitt hörbar. Für fünf Minuten solle die Aufführung nach dem einleitenden Allegro maestoso unterbrochen werden, forderte Mahler ausdrücklich in der Partitur, und tatsächlich beginnt danach etwas Neues. Ähnlich wie eine Trauerrede, die an das Leben des Verstorbenen erinnert, nimmt auch Mahler jetzt eine Rückblende in Angriff. Das Andante, so erklärte er selbst in einem Programmkommentar, stellt eine wehmütige Erinnerung an die Jugend und die verlorene Unschuld des Toten dar. Mahler illustriert das mit einem fast schon naiven Ländler, der an Franz Schubert erinnert und den größtmöglichen Kontrast zur anfänglichen Totenfeier bildet. Zwischendurch blitzen Gefährdungen auf, denen der Mensch ausgesetzt ist.
Der dritte Satz, ein bitterböses Scherzo, zeigt, welche Auswirkungen diese Bedrohungen auf den Helden hatten. Aus Bitterkeit über die böse Welt wird er vom Geist des Unglaubens ergriffen. »Der Ekel vor allem Sein und Werden packt ihn mit eiserner Faust und jagt ihn bis zum Aufschrei der Verzweiflung«, schildert Mahler das Geschehen und zitiert in der Symphonie sein Wunderhorn-Lied Des Antonius von Padua Fischpredigt, eine »Satire auf das Menschenvolk«. Dort strömen die Fische munter zur Predigt des Heiligen, die ihnen auch bestens gefällt – aber sie verändert nichts, alles bleibt, wie es war. Diese sture Unbelehrbarkeit spiegelt Mahler mit musikalischen Figuren, die wie ein Spinnrad abschnurren, bis das Orchester am Ende einen Hilferuf ausstößt.
Vielleicht kann der einfache Volksglaube Rettung bringen? Eine weitere Vertonung aus Des Knaben Wunderhorn, Achim von Arnims und Clemens Brentanos Sammlung mit Volksgedichten, bildet den vierten Satz: Urlicht. Die Soloaltistin trägt feierlich und schlicht die Worte vor: »Ich bin von Gott und will wieder zu Gott, Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, Wird leuchten mir bis in das ewig selig’ Leben!«
Damit ist der Boden bereitet für das große Finale. Das kündigt zunächst einmal den Jüngsten Tag mit dem Gottesgericht an, zwischen Hoffen und Bangen. Wie apokalyptisch es ausgehen kann, vergegenwärtigt Mahler mit dissonanten Klangausbrüchen, für die er hinter der Bühne sogar ein ganzes Fernorchester platziert, um die Schreckensgewalt zu steigern. Doch plötzlich drohen die Trompeten und Posaunen nicht mehr mit der Hölle. Geheimnisvoll setzt stattdessen der Chor mit den Worten von Friedrich Gottlieb Klopstock ein: »Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du«. Mahler hatte diese Verse bei der Begräbnisfeier für Hans von Bülow – erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker – im Hamburger Michel gehört und nutzte nun ihre Botschaft für das glückliche und tröstliche Ende seiner »Auferstehungssymphonie«: »Sterben werd’ ich, um zu leben!«