Entstehungszeit: 2023
Uraufführung: 16. November 2023 in der Walt Disney Concert Hall,
Los Angeles, durch das Los Angeles Philharmonic unter der Leitung von Gustavo Dudamel
Dauer: 40 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 18. Juni 2026 unter der Leitung von Gustavo Dudamel
August 2019: Bei einer Kundgebung wird der Sicherheitschef von Mexiko-Stadt mit pinkfarbenem Glitzerstaub beworfen – eine Protestaktion nach der mutmaßlichen Vergewaltigung eines Teenager-Mädchens durch vier Polizisten. In den Tagen und Wochen danach kommt es in Mexiko immer wieder zu Demonstrationen tausender Frauen: Die »Revolución diamantina« bahnt sich ihren Weg. Ein Aufschrei gegen den Machismo, gegen Gewalt an und die Unterdrückung von Frauen.
Die in Mexiko und London ausgebildete Gabriela Ortiz nahm die Frauenproteste 2023 zum Anlass für ein neues Werk: Revolución diamantina, ein Ballett für acht Stimmen und Orchester, das 2025 mit einem Grammy für die beste zeitgenössische Komposition ausgezeichnet wurde. Laut Gabriela Ortiz spielen zwei weitere Entwicklungen eine prägende Rolle bei der Entstehung: »Am 8. März 2022 marschierte in der Hauptstadt eine Gruppe Polizistinnen der Secretaría de Seguridad Ciudadana am Internationalen Frauentag. Sie hoben die rechte Faust und riefen: ›Policía consciente se une al contingente‹ (›Aufgeklärte Polizistinnen, schließt euch an!‹). Die anderen Demonstrierenden zeigten mit Rufen und Applaus ihren Respekt für die Uniformierten – ein beispielloser Zusammenschluss von Polizistinnen und feministischen Gruppen im Kampf für Gerechtigkeit und Frauenrechte.« Außerdem hat sich Ortiz von einem Protestlied des chilenischen Kollektivs LasTesis inspirieren lassen, basierend auf Texten der argentinischen Autorin Rita Segato. »Ihr Ziel war es, durch Singen ihrer Botschaft weltweit Aufmerksamkeit auf die Demonstrationen zu lenken.«
Um diese verschiedenen Einflüsse in ihrem Ballett zusammenzuführen, wandte sich Gabriela Ortiz an die Schriftstellerin Cristina Rivera Garza. Gemeinsam erarbeiteten sie Ideen zur Dramaturgie und musikalischen Gestalt des Werkes: »Mit großem Feingefühl entwickelte Cristina eine poetische Struktur, die eine dramatische Linie sowohl aus körperlicher als auch aus klanglicher Perspektive zeichnet und in die feministische Gedankengänge eingewoben sind.«
Die rund 45-minütige Ballettfassung von Revolución diamantina ist in sechs Akte unterteilt. Diese beleuchten etwa die »Belästigung und mangelnde Sicherheit im öffentlichen Raum; die Verwirrung zwischen der Sprache der romantischen Liebe und Praktiken der Manipulation und Kontrolle«, außerdem »Einsamkeit und das Gefühl der Zugehörigkeitslosigkeit; die Stimmen der Verschwundenen«. Ebenso schildert Ortiz den »Terrorismus zwischen Paaren, Straßenproteste und Rufe nach Gerechtigkeit; schließlich die Hoffnung, dass wir nur gemeinsam einen Ausweg finden können. Denn die Ursache aller Erfahrungen sind wir alle: Frauen, Männer, Menschen.« Musikalische Anspielungen an Igor Strawinskys Le Sacre du printemps und an Carl Orffs Carmina Burana verstärken Ortiz’ Botschaft, die alle Rituale und scheinbar unabänderlichen Strukturen unseres menschlichen Miteinanders hinterfragt.