Entstehungszeit: 1815
Uraufführung: erste vollständige Aufführung am 19. Februar 1881 im Londoner Chrystal Palace unter der Leitung von August Manns (Finalsatz zuerst am 2. Dezember 1860 im Wiener Redouten-Saal unter der Leitung von Johann Herbeck)
Dauer: 23 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 27. Februar 1932, Dirigent: Erich Band
Im Oktober 1867 quartierten sich im Hotel Zur Kaiserin Elisabeth in unmittelbarer Nähe des Wiener Stephansdoms zwei britische Schubert-Liebhaber ein. Der eine war George Grove, ein 47-jähriger Bauingenieur, der der Musik seit seiner Jugend verfallen war und sich anschickte, als Organisator, Ideengeber und Autor zu einer prägenden Figur des viktorianischen Musiklebens zu werden. Der andere hieß Arthur Sullivan, hatte sich mit seinen 25 Jahren in London bereits als Komponist und Dirigent hervorgetan und sollte schon bald zu einem äußerst erfolgreichen Schöpfer komischer Opern werden, die später unter dem Label Gilbert & Sullivan international gefeiert werden würden.
Was Grove und Sullivan verband, war die Begeisterung für Schuberts Musik und die Hoffnung, in jener Stadt, in der Schubert sein ganzes Leben verbracht hatte, bislang unbekannte Werke zu entdecken. Und tatsächlich wurden ihre Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen. Bei einem Musikverleger und einem Verwandten des Komponisten durchforsteten sie Teile des Nachlasses und stießen auf zahlreiche ungedruckte Kompositionen. »Eine Viertelstunde Gespräch genügte, um uns miteinander vertraut zu machen, und schon hatte ich die Manuskripte der ersten, zweiten, dritten, vierten und sechsten Symphonie von Schubert in den Händen«, erinnerte sich Grove später.
Tatsächlich wurde der Symphoniker Schubert erst spät entdeckt. Dies gilt insbesondere für die sogenannten »Jugendsymphonien« – denen auch die 1815 entstandene Symphonie Nr. 3 zugerechnet wird. Während nach der Niederlage Napoleons der Wiener Kongress in den kaiserlichen und fürstlichen Palästen tagte, um Europa neu zu ordnen und durch repressive Maßnahmen die Macht der alten Eliten wiederherzustellen und zu sichern, war der 18-jährige Komponist als Gehilfe in der Schule seines Vaters tätig. In die Welt der Symphonik war Schubert bereits während seiner Zeit am Wiener Stadtkonvikt eingetaucht. Beim abendlichen Orchesterspiel lernte er zunächst an der Bratsche, dann in leitender Funktion am ersten Geigenpult Symphonien von Haydn, Mozart und Beethoven kennen und konnte zugleich das Klangmedium Orchester aus einer Innenperspektive studieren. Ob Schubert bei der Komposition der Dritten Symphonie noch an das Konviktorchester dachte oder bereits jenes Liebhaberorchester im Blick hatte, das in jener Zeit durch eine Ausweitung der Kammermusikaktivitäten im Hause Schubert entstand, wissen wir nicht. Fest steht jedoch, dass es zu Lebzeiten des Komponisten zu keiner öffentlichen Aufführung des Werks kam und die Premiere der gesamten Symphonie auf Betreiben von George Grove wohl erst im Februar 1881 in London stattfand.
Im langen Dornröschenschlaf der Dritten Sinfonie und ihrer schleppenden Aufführungsgeschichte in den folgenden Jahrzehnten spiegeln sich die ästhetischen Vorlieben der Zeit und die Perspektive, aus der viele auf Schuberts frühe Symphonik blickten. Fasziniert von der romantischen Ausdruckswelt der großen C-Dur-Symphonie und der »Unvollendeten« erschien selbst Schubert-Liebhabern wie Brahms die frühen Symphonien als Werke eines jungen Komponisten, der seine eigene Stimme noch nicht gefunden hat. Einer der ersten, der dieser Sichtweise widersprach, der das Ohr auf die Frische und »große Schönheit« dieser »bewundernswerten Kompositionen« richtete und forderte, dass sie häufiger aufgeführt werden sollten, war Antonín Dvořák. In einem Essay aus dem Jahr 1894 bemerkte er: »Obwohl der Einfluss von Haydn und Mozart in ihnen deutlich ist, ist Schuberts musikalische Individualität im Charakter der Melodie, in den harmonischen Fortschritten und in vielen exquisiten Stücken der Orchestrierung unverkennbar.«