Entstehungszeit: 1898-1899
Uraufführung: 19. Juni 1899 in der St. James's Hall, London, Dirigent: Hans Richter
Dauer: 29 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 3. Februar 1908 unter der Leitung von Arthur Nikisch
Mit seinen Enigma-Variationen gelang dem bereits 42-jährigen Edward Elgar 1899 der Durchbruch als Komponist, weit über Großbritannien hinaus. In Kontinentaleuropa mag eine Rolle gespielt haben, dass der berühmte Hans Richter als Dirigent der Uraufführung dem Werk eine Art Gütesiegel verlieh. Nun wurde der aus einer katholischen Familie stammende Autodidakt, mittelloser Sohn eines Musikalienhändlers, der sich als Geigenlehrer und Chorleiter in der Provinz mühevoll seine Existenz verdiente, endlich als einer der Großen seiner Zeit anerkannt.
Eigentlich heißt das Werk ganz schlicht »Variations on an Original Theme« (Variationen auf ein eigenes Thema), »gewidmet meinen darin porträtierten Freunden«. In diesem Sinne kündigte Elgar seinem Verlagslektor August Jaeger das Stück an: Es zu komponieren habe ihm »Spaß gemacht«, weil er die Variationen »mit den Spitznamen einiger besonderer Freunde überschrieben« habe – so sei Jaeger selbst als alttestamentarischer König Nimrod dargestellt. Erst drei Monate nach Vollendung der Partitur erwähnte Elgar den Begriff »Enigma« (Geheimnis oder Rätsel), mit dem das Andante-Thema – nicht jedoch das ganze Werk – überschrieben ist. Wovon es handelt, ließ er allerdings im Dunkeln: »sein ›düsterer Ausdruck‹ muss nicht erratbar bleiben«. Damit nicht genug, wies er darauf hin, »dass durch und über den ganzen Satz ein anderes, größeres Thema ›geht‹, aber nicht gespielt wird«, ein geheimer Kontrapunkt also, der bis heute nicht restlos entschlüsselt ist.
Die auf das Andante folgenden Sätze bilden eine Art musikalisches Selbstporträt des Komponisten im Spiegel seiner Freunde. Mit dabei ist auch seine Frau Alice, die Elgar in künstlerischen wie praktischen Fragen tatkräftig unterstützte; ihr gilt gleich die 1. Variation. Viele Nummern gehen auf Eigenheiten ihrer Subjekte oder humorvolle Vorfälle mit ihnen zurück, etwa die »merkwürdig schnarrende Stimme« eines Freundes (3. Variation), die auftrumpfende Geste eines lärmenden Landedelmanns (4.), eine Bratschenschülerin (6.), das ländliche Idyll im Haus der Musikförderin Winifred Norbury (8.), die »tanzartige Leichtigkeit« Dora Pennys, genannt Dorabella (10.) oder die Lyrik eines Amateurcellisten (12.).
Unüberhörbar aber bildet die Jaeger gewidmete 9. Variation das emotionale Zentrum. In der innigen Beziehung zu dem Freund, belegt durch viele Briefe in schwärmerischem Tonfall, könnte ein unbewusster Grund für den »düsteren Ausdruck« des Hauptthemas liegen: Elgar, der es aus bescheidenen Verhältnissen mit größter Disziplin bis in Londoner Adelskreise geschafft hatte, mag uneingestandene, im viktorianischen England unaussprechliche homosexuelle Sehnsüchte gehabt haben. In der Finalvariation (»E. D. U.« betitelt nach der Kurzform seines verdeutschten Vornamens, mit der Alice ihn gerufen hat) setzt Elgar seiner kontrapunktischen Meisterschaft ein glänzendes Denkmal – und lässt kurz vor dem pathosgeladenen, aber durchaus adäquat erscheinenden Schluss noch weihevoll die Nimrod-Variation aufklingen: ein Hymnus auf die Freundschaft.