Von: Kerstin Schüssler-Bach

Entstehungszeit: 1947-1948
Uraufführung: 29. Oktober 1955 durch die Leningrader Philharmoniker, Dirigent: Jewgenij Mrawinskij, Violine: David Oistrach
Dauer: 32 Minuten

  1. Nocturne. Moderato
  2. Scherzo. Allegro – Poco più mosso – Allegro – Poco più mosso
  3. Passacaglia. Andante – (Kadenz) –
  4. Burleske. Allegro con brio – Presto

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 17. Mai 1977, Dirigent: Gennadi Roschdestwenski, Violine: Oleg Kagan

Das Komponieren blieb für Dmitri Schostakowitsch zu Lebzeiten Stalins und auch in der Tauwetterperiode danach ein »russisches Roulette«. Noch mitten im tiefsten Stalinismus entstand 1947/48 das Erste Violinkonzert. Ein schlechter Zeitpunkt: Ein Parteibeschluss der KPdSU verbannte im Februar 1948 alle »formalistische« Musik, also alle Musik, die sich nicht der Linie des sozialistischen Realismus anschloss. Schostakowitsch war ein Hauptopfer der Angriffe und wurde für die »expressionistischen Krämpfe« und »neurotischen Erscheinungen« seiner Musik vor ein Gericht zitiert. Obwohl er, um zu überleben, »Besserung« gelobte, wurde er seiner Professuren in Leningrad und Moskau enthoben. Auf der anderen Seite schickte ihn Stalin selbst ein Jahr später als Abgesandten auf einen amerikanischen Kongress, da niemand die sowjetische Musik »besser repräsentieren« konnte als Schostakowitsch – ein perfides Katz-und-Maus-Spiel. Das Erste Violinkonzert durfte denn auch erst im Oktober 1955, zwei Jahre nach dem Tod des Diktators, in Leningrad uraufgeführt werden; Dirigent war Jewgenij Mrawinskij. Konzipiert war es von Anfang an für den großen Geiger David Oistrach. Ursprünglich trug das Stück die Opuszahl 77, beim Erscheinen der Partitur 1956 wurde sie allerdings in Opus 99 geändert. Damit wollte man nicht nur eine Chronologie im Gesamtwerk vortäuschen, sondern auch den Anschein erwecken, Schostakowitsch habe es noch einmal »verbessert«.

Der lyrische Eingangssatz (»Nocturne«) verläuft in breitem, melodischem Fluss. Nach einer dunklen Passage der tiefen Streicher setzt die Solovioline mit einer weitausschwingenden, nachdenklichen Melodie ein. Die Orchestrierung bleibt sparsam, als wolle das Kollektiv der einsamen Stimme des Solisten zuhören. Schostakowitsch wob hier seinen Namen als Tonchiffre (D-Es-C-H) ein, was eine Identifizierung des traurigen Träumers mit seiner eigenen Situation nahelegt. Im »morendo« (ersterbend) klingt der Satz aus. Als scharfer Kontrast wirkt das Scherzo mit seiner für Schostakowitsch typischen beißenden Groteske, in drängender Motorik und atemlosem Galopp. Man hat den Satz mehrfach politisch gedeutet: mit einem Zitat aus Mussorgskys Boris Godunow als Anspielung auf Tyrannenwillkür, mit seinen jüdisch klingenden Tanzweisen als Protest gegen die Behandlung der jüdischen Menschen im Sowjetstaat oder gar als satirisches Porträt des stotternden Kulturfunktionärs Andrei Schdanow, einem der engsten Mitarbeiter Stalins, der am Anfang des Scherzos regelrecht zu bellen scheint. Darüber sollte jedoch die extreme Virtuosität des Soloparts nicht vergessen werden. 

Für den dritten Satz verwendet Schostakowitsch die alte Form der Passacaglia: Über einem majestätischen, drohend-unerbittlichen Bass entfalten sich Variationen von großer Eindringlichkeit und Gefühlstiefe. Die Solovioline verleiht dem Geschehen Süße und Wehmut zugleich. In einer riesigen Kadenz hat dann der Solist minutenlang allein das Wort, bis schließlich das Thema zum vierten Satz geradezu hervorbricht. Diese »Burleske« scheint festlich-fröhlichen, russischen Folklorismus zu verbreiten, so, als wäre alle Tragik beiseitegewischt. Die hartnäckigen Schlagzeugpassagen und grellfarbigen orchestralen Einwürfe verzerren das Lächeln jedoch zu einer Fratze. In fast überdrehter Virtuosität schreitet die Violine diesem verrückten Tanz voran.

Nur den Bemühungen eines amerikanischen Konzertagenten war es zu verdanken, dass das Werk schließlich doch noch aufgeführt werden konnte. Einer Premiere in den USA wollte man zuvorkommen und setzte daher die Uraufführung in Leningrad an. Zwei Monate später spielte Oistrach das Werk auch in der New Yorker Carnegie Hall.