Von: Kerstin Schüssler-Bach

Entstehungszeit: 1908-1935
Dauer: 6 Minuten

  1. ohne Bezeichnung

Bei den Berliner Philharmonikern:
am 10. Januar 1986 in der Philharmonie Berlin unter der Leitung von Christoph von Dohnányi

Dieses Stück lässt in seiner miniaturhaften Kürze von etwa fünf Minuten Fragen offen. The Unanswered Question ist ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts. Charles Ives wagte hier schon 1908 die Gleichzeitigkeit mehrerer Tonarten und Temposchichten. Sein Stück thematisiert die Brüchigkeit der Erwartung. Zu Ives’ Lebzeiten blieb dieses Experiment beinahe ungehört, erst 1946 wurde The Unanswered Question uraufgeführt. Ein Beginn in trügerischer Ruhe: Die Streicher spielen in hoher Lage ein choralähnliches Motiv, dessen erste Noten identisch mit dem Bass aus Johann Pachelbels berühmtem Kanon sind. Ives nannte dieses extrem langsame Choralmotiv »Das Schweigen der Druiden«. Dann stellt die Trompete die »ewige Frage der Existenz« (Ives): ein tonal nicht mehr zuzuordnendes Motiv. Auf die wiederholte Frage antworten die Flöten in gesteigerter Unruhe und immer schärferer Dissonanz, unabhängig vom Zeitmaß der Streicher. Nur die letzte Frage bleibt unbeantwortet und verhallt im Nichts. Die Ruhe des Todes? Die Rätsel der menschlichen Existenz? Was genau Ives vorschwebte, bleibt unbeantwortet. Doch sein Mysterium hat The Unanswered Question mittlerweile zu einem der populärsten Werke der neueren Musik gemacht. Mehrfach wurde es auch in Filmen verwendet, darunter in Tom Tykwers Lola rennt.