Von: Kerstin Schüssler-Bach

Brett Dean »Beggars and Angels«

Entstehungszeit: 1999
Uraufführung: 4. November 1999 durch das Melbourne Symphony Orchestra, Dirigent: Markus Stenz
Dauer: 26 Minuten

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals in diesen Konzerten

Brett Deans Werke gewinnen oft Anregungen durch die Bildenden Künste. Das ist selbstverständlich bei vielen Komponistinnen und Komponisten der Fall. Bei Brett Dean gestaltet sich dieser Dialog allerdings wirklich auf partnerschaftlicher Augenhöhe. Er ist seit vielen Jahren mit der australischen Malerin Heather Betts verheiratet, und das Paar lebt eine echte Synthese der Künste.

1994 waren in der Ausstellung Beggars and Angels im Potsdamer Kutschstall Arbeiten von Heather Betts und dem deutschen Bildhauer Trak Wendisch zu sehen: massive Skulpturen von Wendisch, leuchtende Figuren auf Betts’ Ölgemälden. Wendischs Bettler und Betts’ Engel wiesen, so bemerkte eine Rezension damals, trotz der Unterschiede in Material und Ästhetik eine erstaunliche Ähnlichkeit auf.

Diese Beobachtung inspirierte Brett Dean zu seinem ersten großen Orchesterwerk, das er Beggars and Angels betitelte und Heather Betts widmete. Den Auftrag dazu hatte er 1997 vom Melbourne Symphony Orchestra erhalten. Zu dieser Zeit war er noch Mitglied der Berliner Philharmoniker, und so verwundert es nicht, dass die Partitur eine genaue Kenntnis der orchestralen Farbpalette zeigt, aber auch der Differenzierungen des großen Apparates und nicht zuletzt das Wissen um »dankbare« Instrumentalsoli.

Deans Stück folgt keiner Geschichte oder Botschaft in dieser imaginären Begegnung der Wesen. Der Gegensatz von aggressiven Ausbrüchen und sanften Passagen ist nicht auf eine Figurenzuordnung beschränkt. Durch das ganze Stück zieht sich das Engelsmotiv, eine bewegliche, flautando (flötenartig) zu spielende Figur, die mal duftig und zart, mal eckig und scharf in verschiedenen Instrumenten erklingt. Typisch für Dean sind nervöse, rastlose Texturen, die das Geschehen vorwärts peitschen. Die Brutalität der Großstadt zieht mit massivem Schlagwerk ein, das auch Metalldeckel von Mülltonnen und alarmierende Röhrenglocken verwendet. Dann aber gibt es auch immer wieder Momente choralhafter Überhöhung oder lyrischer Introspektion mit starker emotionaler Färbung. So kontrastieren das »Wilde« und das »Milde«, um zu Schumann zurückzuschauen.

Geräuscheffekte wie das Streichen der Bogenhaare über den Korpus des Instruments oder Flatterzunge bei den Bläsern werden atmosphärisch gezielt eingesetzt. Ungefähr in der Mitte des Stücks fällt ein Solo für die Tuba auf: ein Epitaph für einen jung verstorbenen australischen Tubaspieler. Wie so oft in Deans Musik steht der Mensch hinter dem Instrument im Fokus. Teile des kompositorischen Materials von Beggars and Angels – darunter gleich der leise, zögerliche Terzruf zu Beginn – gehen auf ein sehr persönliches Stück zurück: Intimate Decisions für Bratsche solo, das 1996 für Walter Küssner, Bratscherkollege Deans bei den Berliner Philharmonikern, entstand.

Trotz der großen Orchesterbesetzung von Beggars and Angels ist Raum für viele intime Momente. Die ausgedehnte, ätherische Coda lässt offen, ob es sich um ein trostreiches Aufgehen in eine andere Sphäre handelt. Zuvor war Dean für sein Klavierquintett Voices of Angels in die Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke eingetaucht. Dort heißt es: »Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.«