Entstehungszeit: 2013-2018
Uraufführung: 2. Juni 2018 in Music Mountain, Falls Village, Connecticut/USA durch die Musicians of The Next Festival of
Emerging Artists unter der Leitung von Peter Askim und mit der Sopranistin Tony Arnold
Dauer: 20 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals in diesen Konzerten
Mit seiner zweiten Oper Hamlet (2017) wandte sich Brett Dean der Welt William Shakespeares zu. Das in Glyndebourne uraufgeführte Werk, das auch in New York, Adelaide, München und Köln nachgespielt wurde, ist allerdings kein Historienspektakel. Brett Dean und sein Librettist Matthew Jocelyn formten aus Shakespeares Tragödie ein vitales Bühnenwerk, das 2018 bei den International Opera Awards als beste Uraufführung ausgezeichnet wurde.
Das Ansammeln von Material führte Dean zu einer Reihe von Vorstudien und Nebenwerken, darunter das 2014 uraufgeführte Streichquartett Nr. 2 And once I played Ophelia. Der Titel – kein direktes Zitat aus Shakespeares Stück – ist doppeldeutig: Ophelia spielt sich selbst, sucht ihre Rolle. Aber die Interpretinnen und Interpreten »spielen« – also musizieren – ebenfalls »Ophelia«, diese durch und durch musikalisierte Figur von Shakespeare.
Brett Deans Musiksprache zeichnet sich durch starke gestische Plastizität, energiegeladene Steigerungen und eine teils aberwitzige Virtuosität aus. Doch lässt er auch Raum für traumverlorene Momente der Innenschau. Beide Charakteristika – die Virtuosität und die Introspektion – treffen auf die Figur der Ophelia zu. Zahlreiche Komponisten hat der Wahn von Ophelia inspiriert. Dean interessiert sich hingegen für die Bilder, die andere Figuren des Shakespeare-Stücks von Ophelia entwerfen und die sich das junge Mädchen zu eigen macht. An diesen Projektionen und Beleidigungen geht sie schließlich zugrunde: »Und vielleicht ertrinkt Ophelia nicht an einer romantisch genährten Marotte oder Verrücktheit, sondern ganz einfach nur an dem reinen Gewicht der Worte, die andere über sie sagen und die sie unwiderruflich mit sich führt«, so Brett Dean.
Der Text der Sopranistin in Brett Deans Stück zitiert nicht nur Verse Ophelias, sondern auch Zeilen von Hamlet, Polonius oder Gertrude, die sich auf sie beziehen. Etwa Hamlets Beschimpfung »Get thee to a nunnery«, was so viel heißt, dass sie ins Kloster gehen solle, um der Sünde und Verderbtheit der Welt zu entkommen (oder aber ins Bordell, damals im Slang gebräuchlich), Zeilen, die sie atemlos stammelnd nachvollzieht. In Erinnerungen und Spiegelungen horcht Ophelia diesen an sie gerichteten Worten nach, wieder und wieder vollzieht sie deren Verletzungen mit. Dean stellt Ophelia in den fünf Sätzen nicht als passiv leidendes Opfer dar, sondern als eine »resolutere Persönlichkeit«, die mutig Grenzen überschreitet. So zeigt Ophelia hier auch stimmlich viele Facetten: Vom gutturalen Ächzen über vierteltönige Klagerufe bis zum großen lyrischen Bogen inklusive dreigestrichenem f reicht die virtuose Herausforderung für die Solistin. Sie seziert die Worte mit dem Messer, setzt sie mit Gurgel- und Knacklauten oder heiserem Flüstern neu zusammen. Die Streicher reagieren mit feinsten Nuancen: Geräuschhafte Bogentechniken begleiten ihre Suche nach Identität im ersten Stück, wiegenliedartige Tröstungen tragen sie zu Grabe.
2017 arrangierte Dean And once I played Ophelia für Sopran und Streichorchester. Der theatrale Charakter des Werks kommt in diesem erweiterten Klangraum – mit hinzugefügter Kontrabassstimme – eindrucksvoll zur Geltung.