Entstehungszeit: 1942
Uraufführung: 13. November 1942 in Boston durch das Boston
Symphony Orchestra, Dirigent: Sergej Kussewitzky
Dauer: 35 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 1. März 1978 unter der Leitung von Zdenek Mácal
Im Paris der 1920er- und 1930er-Jahre, wo Bohuslav Martinů damals lebte, galt die Gattung der Symphonie als ein wenig verstaubt und unmodern. Das war sicher einer der Gründe, weshalb sich der Komponist erst im amerikanischen Exil dieser Sparte der Orchestermusik zuwandte. Dann allerdings mit ganzer Kraft. Alle seine sechs Symphonien entstanden in den Jahren seines Aufenthalts in den USA von 1941 bis 1953, und Martinů war bereits 52 Jahre alt, als er mit der Komposition seiner Ersten Symphonie begann. Obwohl er sonst ausgesprochen rasch komponierte, zog sich die Arbeit über Monate hin. Er selbst behauptete, auf die Gattung Symphonie nicht genügend »vorbereitet« zu sein. Dabei war die Initiative zu diesem Werk von ihm selbst ausgegangen. 1941 äußerste er gegenüber dem damaligen Chefdirigenten des Boston Symphony Orchestra Serge Koussevitzky brieflich den Wunsch, ein groß besetztes Werk für das Orchester zu schreiben. Dieser erteilte den Auftrag, machte jedoch sonst keinerlei musikalische Vorgaben. Gewidmet ist die Symphonie – mit einer Spieldauer von ungefähr 35 Minuten eines der längsten Orchesterwerke Martinůs – dem Andenken Natalie Koussevitzkys, der Gattin des Dirigenten, die kurz zuvor verstorben war.
Martinů war der Ansicht, eine Symphonie müsse aus ganz einfachen Elementen aufgebaut sein. Im Falle der Ersten Symphonie ist das ein Akkordpaar – h-Moll und H-Dur –, das zu Beginn des Werkes erklingt, mit verschiedenen chromatischen Läufen kombiniert wird und als Ausgangspunkt für ein melancholisches Streicherthema dient. Dieses charakteristische Motiv taucht später im dritten sowie im vierten Satz wieder auf. Rhythmisch arbeitet Martinů im Kopfsatz mit unregelmäßigen Tanzfiguren, wie sie auch bei Janáček häufig zu finden und im Rahmen eines 6/8-Takts vergleichsweise einfach zu realisieren sind. Wohlklingende Dissonanzen, die Martinů vielleicht beherrschte wie kein anderer, verbinden sich mit ungewöhnlichen Klangfarben und weichen harmonischen Texturen zu einer orchestralen Melange mit impressionistischem Flair. Gerade der Farbenreichtum der Partitur macht deutlich, was Martinů in Paris bei seinem Mentor Albert Roussel gelernt hatte. Wichtig ist im weiteren Verlauf des Satzes noch ein Bläserthema, das wie aus dem Nichts mit dem Pendeln zwischen zwei Tönen beginnt, dann zunehmend an Kontur gewinnt und für den letzten Abschnitt bestimmend wird.
Der zweite Satz, ein ausgelassenes, fast wildes Scherzo, verbindet unregelmäßige Rhythmen mit tänzerischen Elementen. Das hat viel Drive, selbst wenn die Oboe eine volksliedartige Melodie anstimmt. Die ländlerartige Triosektion, von Flöten und Oboen mit einer pastoralen Weise eingeleitet, bildet einen starken Kontrast zu dem stellenweise geradezu bombastisch anmutenden, vorwärts stürmenden Hauptteil.
In eine ganz andere Klangwelt führt das anschließende, tiefgründige Largo, vielleicht einer der schönsten langsamen Sätze, die Martinů geschrieben hat. Celli und Kontrabässe stellen zunächst einen in sich kreisenden Gedanken vor, aus dem sich dann in den hohen Streichern und Holzbläsern eine Melodie entwickelt, die gar kein Ende zu nehmen scheint und unter den markanten Akzenten des Klaviers schließlich einen ersten Höhepunkt erreicht. Dann hellt sich der Satz auf, auch die Klavierfigurationen gewinnen an Leichtigkeit, das Englischhorn steuert ein ausdrucksvolles Solo bei. Doch schon bald weicht diese Episode wieder dem ausladenden Trauergesang des Beginns, der nach einer weiteren klanglichen Klimax versöhnlich ausklingt.
Leicht, tänzerisch, rhythmisch pointiert und farbenreich präsentiert sich das Finale. Dieser Charakter wird zwar immer wieder durch ausdrucksvolle Intermezzi aufgebrochen, doch letztlich triumphieren Rhythmus, Tempo und Spielfreude.