Entstehungszeit: 2019-2020
Uraufführung: 13. Januar 2022 in der Severance Hall, Cleveland/Ohio, durch das Cleveland Orchestra unter der Leitung von Franz Welser-Möst
Dauer: 18 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 11. Juni 2026 unter der Leitung von Franz Welser-Möst
Was einen guten Werktitel ausmacht und welche Funktionen er erfüllen soll, darüber wird seit Jahrhunderten gestritten. Als Schwelle zwischen Werk und Außenwelt leisten Titel häufig weit mehr, als bloß ein Stück zu bezeichnen. Sie steuern die Rezeption, wecken Erwartungen, können neugierig machen oder uns auf produktive Weise irritieren. »Ein schöner Titel ist der wahre Zuhälter eines Buches«, konstatierte schon im 17. Jahrhundert Antoine Furetière augenzwinkernd. Zugleich warnte der französische Schriftsteller und Gelehrte vor allzu vollmundigen Ankündigungen und irreführenden Fährten: »Die Titel mancher Bücher sind wie die Aushängeschilder von Gasthäusern; oft versprechen sie einen hervorragenden Wein, und man findet darin nur Essig.«
Im Fall von Bernd Richard Deutschs Orchesterstück Intensity muss man diese Gefahr nicht fürchten. In kaum zu überbietender Prägnanz steckt der Titel mithilfe eines einzigen Wortes das Feld ab, das das Stück musikalisch erkundet. Als ein verbaler Schlüssel zum Werk setzt er den Ton, lenkt unseren Blick und unser Ohr und lässt zugleich auch genügend Raum für Assoziationen. Darüber hinaus verweist der Titel auf den Kontext, in dem der 1977 geborene Deutsch das Franz Welser-Möst gewidmete Werk 2019/20 geschrieben hat: »Intensity reflektiert die Monate vor der Entstehung des Stücks, die in persönlicher und künstlerischer Hinsicht sehr intensiv für mich waren.« Der äußerst produktive Wiener Komponist war damals Fellow Composer beim Cleveland Orchestra und hatte die Gelegenheit, die Virtuosität und den intensiven und hochemotionalen Klang des von Welser-Möst geleiteten Orchesters bereits vor Kompositionsbeginn aus der Nähe zu erleben.
Dass die Zeit- und Ausdruckskunst Musik es in besonderer Weise vermag, Erfahrungen von Präsenz und Intensität zu vermitteln, ist vielfach beschrieben worden. So konstatierte der Lyriker und Wegbereiter der literarischen Moderne Charles Baudelaire unter dem Eindruck von Wagners Tannhäuser: »Nichts drückt mit solcher Intensität die Mysterien der Seele und die Erschütterungen des Nervensystems aus wie die Musik.« Deutsch thematisiert in seinem Stück diese Fähigkeit der Musik, unterschiedliche Energiezustände und Erregungsprozesse in fesselnder Weise zu verkörpern. Zugleich betont er, dass »Intensität« eine Kategorie ist, die für ihn in verschiedenen Wirklichkeitsbereichen eine besondere Wertigkeit besitzt und dabei unterschiedliche Ausprägungen kennt: »Es ist eine Eigenschaft oder ein Erfahrungszustand, den ich sowohl vom Leben als auch von der Kunst im Allgemeinen erwarte. In meinem Werk gibt es zwei Formen der Intensität: einerseits Energie, Vehemenz und Aktivität, andererseits Gefühlstiefe, Kontemplation und Emotion.«
Für die musikalische Erkundungen dieser unterschiedlichen Erscheinungsformen der Intensität wählt Deutsch einen großbesetzten Orchesterapparat, der über eine reiche Farbpalette verfügt: Dreifach besetzte Holz- und Blechbläser, eine umfangreiche Schlagzeuggruppe mit großer Klangfarbenvielfalt, Harfe, Klavier und Celesta sowie Streicher. Auf formaler Ebene ist Intensity klar gegliedert. Das emotionale Zentrum des 18-minütigen Werkes bildet ein kontemplativer Mittelteil, der »nach innen gerichtete« Manifestationen der Intensität erforscht und dabei eine faszinierende Klangwelt voller überraschender Farben entfaltet. Umschlossen wird er von zwei energetischen Rahmenteilen voller Kraft, Dynamik und Ereignisdichte. Die von einem überwältigenden Drive geprägte Überleitung zum letzten Teil und der apotheotische Werkschluss tragen dabei durchaus ekstatische Züge. Das verbindende Element ist ein Trompetensignal. Als motivisches Kernelement durchzieht es in unterschiedlichen Gestalten alle drei Teile und eröffnet und beschließt das Stück auf eindrückliche Weise.