Von: Kerstin Schüssler-Bach

Entstehungszeit: 1893
Uraufführung: 16. Dezember 1893 in der Carnegie Hall, New York, Dirigent: Anton Seidl
Dauer: 44 Minuten

  1. Adagio – Allegro molto
  2. Largo – Un poco più mosso – Meno mosso, Tempo primo
  3. Scherzo. Molto vivace – Trio – Scherzo da capo e poi la coda
  4. Allegro con fuoco

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 2. März 1900, Dirigent: Oskar Nedbal

Per Telegramm traf das Stellenangebot ein: Antonín Dvořák sollte den Direktorenposten des New Yorker Konservatoriums übernehmen. Der Böhme war durch seine Erfolge in England auch im Konzertleben der USA eine feste Größe. Dvořák war überrascht, aber auch geschmeichelt, und das für seine Verhältnisse immense Honorar sollte dem sechsfachen Familienvater die Entscheidung erleichtern. Als er 1892 in New York eintraf, waren die Erwartungen an ihn groß: »Ich soll ihnen den Weg ins gelobte Land weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!« 

Zum Erstaunen mancher Musikfreunde aus der weißen Oberschicht sympathisierte Dvořák offen mit der Musik der indigenen Ureinwohner und der Nachfahren der afrikanischen Sklaven. Vor allem die Lieder der Schwarzen empfahl er als Zukunft der amerikanischen Musik: »Sie sind pathetisch, zart, leidenschaftlich, melancholisch, feierlich, religiös, verwegen, lustig, fröhlich ...« Ein befreundeter Musikkritiker versorgte ihn mit einer Sammlung von Melodien der Native Americans. In seiner Sommerfrische in Spillville (Iowa), einer von tschechischen Einwanderern geprägten Community, begegnete er Irokesen. Noch im hohen Alter erinnerte sich Dvořáks Sohn Otakar an die »Medizinmänner«, die in Zelten »südlich der Stadt, jenseits des Baches« lebten. »Mein Vater interessierte sich für ihre Lieder und Instrumente. Vater erhielt Fotos von den Indianern, die zu seinen wertvollsten Besitztümern gehörten.« Gibt es in der Symphonie »Aus der Neuen Welt« konkrete Zitate aus Weisen der Native Americans und aus afroamerikanischen Spirituals? Dvořák selbst pochte darauf, dass alles seine eigene Erfindung sei, gab aber immerhin zu: »Nun – wer Gespür hat, muss den Einfluss Amerikas erkennen.« Folkloristische Einflüsse sind etwa die Pentatonik (also eine Fünftonskala), der erniedrigte Leitton sowie der »scotch snap«, eine Synkopierung, die aus der Tanzmusik der europäischen Einwanderer bekannt war.

Gleich die schwermütige Adagio-Einleitung zum ersten Satz weist pentatonische Wendungen auf. Das energische Allegro-Hauptthema in den Hörnern ist von der eigenwilligen rhythmischen Synkopierung des »scotch snap« geprägt. Ein Thema in den Flöten erinnert an das Spiritual »Swing low, sweet chariot«. Besondere Popularität hat der zweite Satz erreicht. Auch sein langgezogenes Hauptthema ist pentatonisch eingefärbt. Der melancholische Charakter der Melodie wird durch das traurig klingende Englischhorn unterstrichen. Dvořák hatte sich von einer Begräbnisszene aus dem Epos Das Lied von Hiawatha von Henry Wadsworth Longfellow inspirieren lassen, das vom fiktiven Häuptling der Ojibwe erzählt. Für das Scherzo verwies Dvořák ebenfalls auf Longfellows Dichtung, nämlich auf »die Festszene in ›Hiawatha‹, wo Indianer tanzen«. Triangel und Pauke unterstreichen den etwas wilden Zug des Scherzo-Themas. Im Finale erscheint nach einer kurzen, drängenden Streichereinleitung das etwas kämpferische Hauptthema in den Trompeten und Hörnern. Doch der bis dahin so energische Satz verklingt in einem immer leiser werdenden Akkord der Bläser fast unspektakulär.

Die Meinungen, was »böhmisch«, was »nordamerikanisch« an dieser Symphonie ist, gingen schon kurz nach der triumphalen Uraufführung in der New Yorker Carnegie Hall 1893 auseinander. Die berühmte Kantilene des langsamen Satzes etwa – war sie ein Abbild der weitläufigen Prärien des Mittleren Westens? Oder drückte sich in ihr Dvořáks unendliche Sehnsucht nach der böhmischen Heimat aus? Der Kritiker des New York Herald ließ es offen: »Dvořáks Werk ist im Geist amerikanisch, aber in der Atmosphäre tschechisch. Dr. Dvořák vermag seine Nationalität ebenso wenig abzustreifen wie ein Leopard seine Flecken.«