Von: Frederik Hanssen

Antonín Dvořák Symphonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Entstehungszeit: 1884-1885
Uraufführung: 22. April 1885 in der St. James Hall, London, durch das Orchester der Philharmonic Society unter der Leitung des Komponisten
Dauer: 38 Minuten

  1. Allegro maestoso
  2. Poco adagio
  3. Scherzo: Vivace – [Trio:] Poco meno mosso
  4. Finale: Allegro

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 28. Oktober 1889 unter der Leitung von Hans von Bülow

Die Briten waren begeistert: Bereits Antonín Dvořáks London-Debüt 1883 in der Royal Albert Hall war ein Riesenerfolg, bei der Wiedereinladung im Jahr darauf feierte die Times den tschechischen Komponisten als »musical hero of the hour«. Seine Heimreise konnte Dvořák dann antreten mit einem lukrativen Auftrag in der Tasche: von der Royal Philharmonic Society für eine neue Symphonie.

In nur drei Monaten vollendete er die Partitur, stets mit dem Ziel vor Augen: »Meine Symphonie soll so ausfallen, dass sie die Welt bewegt.« Und das tat sie: Die Uraufführung im Frühjahr 1885 in London geriet zu einem Triumph. Und das, obwohl Dvořák in dem neuen Werk fast vollständig auf jene böhmischen und mährischen Volksweisen verzichtete, die bisher einen Großteil seiner Kompositionen geprägt hatten.

Statt musikantischer Tanzboden-Heiterkeit dominiert nun ein dramatischer Tonfall. Zugleich strebt Dvořák danach, das thematische Material nach dem Vorbild Ludwig van Beethovens maximal zu verdichten. »Einen schönen Gedanken zu haben, ist nichts Besonderes«, betont er mit Blick auf seinen Ruf, bezaubernde Melodien aus dem Ärmel schütteln zu können, »aber ihn gut auszuführen, etwas Großes daraus zu schaffen, das ist das Schwerste. Das ist Kunst.«

Der Verzicht auf traditionelle Töne aus seiner Heimat bedeutete indes nicht, dass Dvořák bei seiner Siebten Symphonie von dem patriotischen Plan abwich, der tschechischen Musik ihren Platz in der internationalen Musikszene zu erobern. Hier trat jetzt lediglich ein neuer Aspekt in den Vordergrund: der Befreiungsmythos der Hussiten und ihres Widerstands gegen die römisch-katholische Kirche im 15. Jahrhundert.

Bereits Bedřich Smetana hatte dieser nationalen Bewegung in seinem Orchesterzyklus Ma vlast ein Denkmal gesetzt, Dvořák selbst komponierte 1883 eine Hussiten-Ouvertüre in düsterem d-Moll – auch die Tonart der Siebten Symphonie. Ein konkretes inhaltliches Programm liegt ihrer Musik nicht zugrunde, der Komponist sollte seine fünf erzählenden Tondichtungen erst ab 1896 schreiben. Doch mit dem historischen Hussiten-Sujet im Hinterkopf können beim Hören des Eröffnungssatzes sofort Bilder vor dem geistigen Auge entstehen: dramatische Schlachtszenen vor düsterem Himmel im Kontrast Passagen, in denen die Sonne durch die Wolken bricht und die Aufständischen neue Hoffnung schöpfen.

Ein christlicher Choral erklingt zu Beginn des langsamen Satzes – als würden hier die Opfer der Schlacht gewürdigt. Liebevolle Gedanken manifestieren sich in bittersüßen Melodien, doch immer wieder fahren bedrohliche Einwürfe dazwischen. Wie im vorangegangenen Allegro maestoso bliebt die Atmosphäre durchweg angespannt, findet nur selten wirklich zu friedlicher Heiterkeit, aller romantischen Emphase zum Trotz.

Im Scherzo wird es dann doch noch volkstümlich: Dvořák verwendet den Furiant, einen typisch tschechischen Tanz. Doch er steht in Moll, was ungewöhnlich ist. So kommt ungeachtet des schnellen Tempos keine wirkliche Feierlaune auf. Stattdessen wird das Thema »Heimat« auf philosophische Weise betrachtet: Der Wunsch, seine Traditionen zu bewahren, erfordert große Kraftanstrengung, denn es gilt, immer wieder Angriffe von außen abzuwehren.

Konfliktreich bleibt auch das Finale, Dvořák arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und geradezu opernhaften Klangeffekten. Starke Emotionen entladen sich in einem mitreißenden Furor des gesamten Orchesters – und machen unmissverständlich klar, warum diese Symphonie den Beinamen »Tragische« trägt.