Von: Clemens Matuschek

Entstehungszeit: 1896-1896
Uraufführung: 20. März 1898 in Brno (Brünn) mit dem Tschechischem Orchester Brünn unter der Leitung von Leoš Janáček
Dauer: 19 Minuten

  1. Andante, marcia funebre
  2. Allegro-Andante
  3. Molto vivace; Allegro Scherzando
  4. Andante
  5. Andante, Tempo I

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 2. März 1900 in der Philharmonie, Bernburger Straße, Dirigent: Oskar Nedbal

Antonín Dvořák plagte Heimweh. 1892 hatte er in New York eine gut dotierte Stelle als Direktor des ersten amerikanischen Konservatoriums angetreten. Seine Mission: als künstlerischer Entwicklungshelfer der immer noch recht jungen Nation den Weg zu einer eigenen Musik zu weisen. Denn die Nachfahren indigener Ureinwohner (so es sie noch gab), europäischer Siedler und farbiger Sklaven fühlten sich noch immer nicht als ein Volk – jeder sang seine eigenen Lieder. Auf den ersten Blick mutet es vielleicht etwas merkwürdig an, einen tschechischen Metzgerssohn mit dieser hehren Aufgabe zu betrauen. Doch Dvořák hatte sich daheim in Prag als Experte für den Aufbau einer nationalen Musikkultur profiliert, indem er in seine Werke authentische Volksmusik einfließen ließ und so ein typisches Idiom schuf. Genau das erwartete man von ihm auch in den USA. Mit der »Symphonie aus der Neuen Welt« legte er dann tatsächlich eine Art Gründungsdokument der amerikanischen Klassik vor.

Doch obwohl ihm die Musikwelt dort zu Füßen lag und sein Vertrag noch andauerte, brach Dvořák nach zweieinhalb Jahren seine Zelte ab und zog zurück nach Prag. Zu sehr vermisste er Frau und Kinder, dazu das vertraute Umfeld und die Sprache. Und wie um seine Verbundenheit mit der Heimat zu bezeugen, die für sein Schaffen eine so zentrale Rolle spielte, schrieb er innerhalb eines Jahres gleich vier Symphonische Dichtungen nach Märchen eines gewissen Karel Jaromír Erben, quasi ein tschechischer Bruder Grimm. So wichtig war ihm dieses Statement, dass er dafür sogar den Zorn seines alten Mentors Johannes Brahms in Kauf nahm. Der nämlich lehnte es strikt ab, eine Handlung mit Tönen nachzuerzählen. Der mit ihm verbündete Kritikerpapst Eduard Hanslick wiederum störte sich an den »grässlichen Stoffen«, die Dvořák ausgesucht hatte.

Widersprechen kann man ihm kaum. Reihenweise fallen arme, unschuldige Kinder grausamen Fabelwesen wie Hexen und Wassermännern zum Opfer. Auch die »Waldtaube« ist nichts für schwache Nerven. Sie beginnt direkt mit einem Trauermarsch zum Friedhof. Die beklagenswerte junge Witwe ist allerdings in Wahrheit die Giftmörderin ihres Gatten. Ihr Motiv: an seiner Stelle den schneidigen jungen Mann zu heiraten, der ihr im folgenden Abschnitt den Hof macht – mit Erfolg, wie böhmische Hochzeitsmusik anzeigt. Einzig eine Waldtaube, der Geist ihres ermordeten ersten Mannes, erhebt mit ihrem penetranten Gurren Anklage. Diesem personifizierten schlechten Gewissen kann sich die Frau schließlich nicht mehr entziehen und begeht Suizid. Immerhin wendete der mehrfache Vater Dvořák das Ende mit einem versöhnlichen Geigensolo ins Positive.

Und noch einen Kniff wandte Dvořák an, um die Moral des Märchens musikalisch zu reflektieren: Der Trauermarsch des Beginns scheint auch in den weiteren Abschnitten immer wieder auf. So hält er das Werk nicht nur wie ein Leitmotiv zusammen, sondern wirkt auch wie ein Schatten, der auf die (vermeintlich) fröhlichen Episoden fällt und dem die mörderische Witwe am Ende nicht entfliehen kann.