Entstehungszeit: 1903-1904
Uraufführung: 29. Mai 1905 in Paris mit dem Orchestre Colonne, Dirigent: Arthur Nikisch
Dauer: 43 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 18. Januar 1909 in der Philharmonie Bernburger Straße
Als Alexander Skrjabin seine Dritte Symphonie schrieb, wurde sein Leben von tiefgreifenden Umbrüchen erschüttert. Er kündigte seine Klavierprofessur am Moskauer Konservatorium und begab sich damit – als freischaffend konzertierender Komponist – in eine Existenz materieller Unsicherheit; er lernte Tatjana de Schloezer kennen und trennte sich von seiner Frau Wera, die gerade das vierte gemeinsame Kind zur Welt gebracht hatte; er verließ Moskau und übersiedelte ins Ausland, zunächst in die Schweiz, später nach Frankreich, Italien und Belgien. Immer mehr bestimmten philosophische und religiöse Ideen sein Denken und Schaffen. All das hat sich auch in der Musik der Symphonie niedergeschlagen, deren Uraufführung in Paris von Arthur Nikisch, dem damaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, geleitet wurde.
Vom Umfang her ist Skrjabins Orchesterschaffen fast schmal zu nennen, er hat viel fürs Soloklavier komponiert. Neben einer vierminütigen Miniatur (Rêverie) und einem Klavierkonzert umfasst es drei Symphonien und zwei Einzelwerke, also gerade sieben großformatige Kompositionen. Ihr Anspruch aber umspannt einen ganzen Kosmos. Die heute erklingende Symphonie bildet dabei einen Wendepunkt. Brauchte Skrjabin in der Ersten noch volle sechs Sätze, um seinem Ausdrucksbedürfnis Raum zu geben, begnügte sich die Zweite mit nur noch fünf Sätzen; die dritte schließlich beschränkt sich auf drei. Dafür trägt sie erstmals einen Namen, »Le divin poème« (Das göttliche Poem). Auch die drei Sätze, die nahtlos ineinander übergehen, haben ihre eigenen Überschriften. Sie alle vereint das Bestreben, das Gebiet der klassischen Musik zu erweitern, den Klang zu entgrenzen.
Ging es Skrjabin anfangs um die Kunst als Religionsersatz, streben die späteren Stücke die Befreiung des Menschen, ja der ganzen Menschheit an, unterfüttert von philosophischen, theosophischen und mystischen Gedanken; es scheint, als wären die Werke verschiedene Inkarnationen einer Idee, die von Stück zu Stück immer präziser und radikaler formuliert wird. Auch musikalische Motive finden sich in ähnlicher, fast notengetreuer Gestalt sowohl in symphonischen Kompositionen wie in den gleichzeitig entstandenen korrespondierenden Klavierstücken und -sonaten.
Die Dritte Symphonie kann dabei wie ein goldener Mittelweg sowohl als rein musikalische Komposition aber auch als Ausdruck einer großen Vision verstanden werden, deren Essenz Tatjana de Schloezer, sicherlich in engem Austausch mit Skrjabin, in wenigen Zeilen festhielt. Diese Programmnotiz sollte bei der Pariser Uraufführung ans Publikum ausgeteilt werden, was aus unbekannten Gründen jedoch unterblieb: »Der erste Satz des Poème divin, ›Luttes‹ Kämpfe, schildert den Kampf zwischen dem durch eine personifizierte Gottheit versklavten Menschen und dem freien Menschen, der die Göttlichkeit in sich trägt. Dieser bleibt siegreich, aber sein Wille ist noch zu schwach, die eigene Göttlichkeit zu verkünden. Er stürzt sich in die Wonnen der sinnlichen Welt. Das ist der Inhalt des zweiten Satzes ›Voluptés‹ Lust, Wonnen. Da erwächst ihm vom Grunde seines Seins erhabene Kraft, die ihm hilft, seine Schwäche zu überwinden, und im letzten Satz ›Jeu divin‹ Göttliches Spiel gibt sich der seiner Fesseln ledige Geist der Freude des freien Daseins hin.« Die Symphonie beginnt mottoartig mit einem markanten Thema in den Posaunen, beantwortet von einem Sextsprung der Trompeten – diese gegensätzlichen Motive ziehen sich durchs ganze Werk, bilden die Grundlage der kontrastierenden Themen des ersten Satzes, bleiben auch im ekstatischen Rausch des zweiten präsent und schließen den strahlenden Triumph des Finales ab.