Von: Clemens Matuschek

Entstehungszeit: 1935
Uraufführung: 19. April 1936 beim ISCM-Festival in Barcelona mit dem Orquestra Pau Casals unter der Leitung von Hermann Scherchen mit Louis Krasner als Solisten
Dauer: 25 Minuten

  1. Andante – Allegretto
  2. Allegro – Adagio

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 25. März 1951 im Titania-Palast, Dirigent: Sergiu Celibidache, Violine: Tibor Varga

Alban Bergs Karriere als Komponist nahm spät Fahrt auf. Erst mit 40 Jahren brachte er 1925 in Berlin seine erste Oper Wozzeck heraus, die sofort einschlug und weltweit nachgespielt wurde. Es ist die erste Oper, die nicht mehr auf konventionellen Melodien und Harmonien basiert, sondern auf der Zwölftontechnik. Gemäß dieses von Bergs Lehrer Arnold Schönberg entwickelten Systems besteht ein musikalisches Thema immer aus allen zwölf Halbtönen des europäischen Musiksystems; eine solche »Reihe« lässt sich dann nach Belieben spiegeln, strecken, stauchen oder zu Fugen montieren. Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten machte Berg einen Strich durch die Rechnung – in Deutschland wurde seine Musik als »entartet« gebrandmarkt und verboten.

Hilfe kam aus dem Ausland: 1935 erhielt Berg eine Anfrage für ein neues Violinkonzert. Auftraggeber war der aus der Ukraine stammende und in die USA emigrierte Geiger Louis Krasner. Seit einer Wozzeck-Aufführung in New York war er großer Berg-Fan und wollte dessen neuem Stil nun auch im Konzertsaal zum Durchbruch verhelfen. Seiner Bitte um ein möglichst »melodiöses« Stück entsprach Berg, indem er die zugrundeliegende Zwölftonreihe als Verschachtelung konventioneller Dreiklänge anlegte – eine Art pseudo-tonale Schreibweise.

Kurz darauf erfuhr Berg von einer Tragödie in seinem Freundeskreis: Am 22. April 1935 starb Manon Gropius, die Tochter des Architekten Walter Gropius und Gustav Mahlers Witwe Alma, mit 18 Jahren an Kinderlähmung. Ihrem Gedenken – »Dem Andenken eines Engels« – widmete Berg das neue Konzert und wollte dabei die »Wesenszüge des jungen Mädchens in musikalische Charaktere« umsetzen. Den Tonfall eines Requiems unterstreicht der Bach-Choral »Es ist genug, Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus«, den Berg am Ende in die Stimmen der Holzbläser einwebt. Passenderweise beginnt er mit drei Ganztonschritten – dieselben Intervalle, mit denen Bergs Zwölftonreihe endet. Auch das B-A-C-H-Motiv taucht auf.

Pünktlich zum Geburtstag von Alma Mahler-Gropius-Werfel (inzwischen von Gropius geschieden und mit dem Schriftsteller Franz Werfel verheiratet) am 31. August 1935 war die Partitur fertig. Entsprechend überschwänglich fiel ihr Dank an Alban Berg und seine Frau Helene aus: »Einziggeliebte Menschen! Ihr habt mir mit dieser ungeheuren Liebestat das einzige Geburtstagsgeschenk gemacht, das mir noch Freude machen konnte.« Bis zur Uraufführung durch Louis Krasner sollte aber noch mehr als ein Jahr vergehen. Berg erlebte sie nicht mehr, er starb im Dezember 1935 an einer Blutvergiftung.

Das Violinkonzert ist in zwei Sätzen angelegt, die wiederum in je zwei Teile untergliedert sind und insgesamt den spiegelsymmetrischen Aufbau langsam – schnell – schnell – langsam ergeben. Laut einer vom Komponisten autorisierten Analyse entsteht im ersten Satz »das Bild des lieblichen Mädchens als fantastischer Reigen«; der zweite Satz spiegelt die »Katastrophe« sowie die »Totenklage« wider.

Analytiker haben indes zwei weitere Ansatzpunkte zutage gefördert: Ein Kärntner Volkslied, das Berg im ersten Satz zitiert, könnte demnach auch auf eine aus Kärnten stammende Jugendliebe Bergs bezogen werden, mit der er ein uneheliches Kind zeugte. Außerdem könnte Berg, der eine Vorliebe für Chiffren und Zahlenspiele hatte, durch Taktzahlen, Phrasenlängen und Metronom-Angaben eine weitere geheime Botschaft eingeschmuggelt haben, einen Verweis auf seine Schwägerin Hanna Fuchs-Robettin, mit der er in den 1920er-Jahren eine Affäre hatte. Nach dieser Lesart hätte Berg mit dem Violinkonzert nicht nur einen Nachruf auf Manon Gropius geschaffen, sondern auch auf seine eigene Biografie.