Die Berliner Philharmoniker trauern um Herbert Blomstedt, der am 4. November im Alter von 99 Jahren gestorben ist. Vor allem als einer der großen Bruckner-Interpreten machte er sich einen Namen. Aber auch durch seine warme, positive Ausstrahlung hat er bis ins hohe Alter beeindruckt.
Für Eva-Maria Tomasi, Geigerin und Mitglied im Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, war Herbert Blomstedt zugleich künstlerisch und menschlich eine Ausnahmeerscheinung: »Herbert Blomstedt hat uns als musikalischer Denker beeindruckt, der unablässig nach Ehrlichkeit und Wahrheit in der Partitur suchte. Vom Publikum wurde er, dem jede Selbstdarstellung fremd war, verehrt und geliebt. Das lag ganz wesentlich an seiner positiven Ausstrahlung, mit der er auch uns als Orchester inspirierte. Motiviert hat uns zudem, dass er jedem von uns in Proben und Konzerten das Gefühl gab, wahrgenommen und geschätzt zu werden. Noch bei seinen letzten Konzerten mit uns im April dieses Jahres sprühte er vor mentaler Energie, die auch nach vielen Stunden des Probens nicht nachließ. Wir sind sehr traurig, Herbert Blomstedt nun verloren zu haben, und zugleich unendlich dankbar für die wunderbare, erfüllende Arbeit mit ihm.«
Herbert Blomstedt wurde 1927 als Sohn schwedischer Eltern in den USA geboren. Zum Dirigieren kam er eher durch Zufall, als er während seines Geigenstudiums am Königlichen Konservatorium in Stockholm Mitglied des Universitätschors war und einmal zwei Sätze aus Brahms’ Requiem dirigieren durfte. Dieses Erlebnis stellte seine beruflichen Weichen: Er ließ sich an der Juilliard School of Music in New York sowie in Darmstadt (zeitgenössische Musik) und Basel (Renaissance- und Barockmusik) zum Dirigenten ausbilden. Wichtige Impulse empfing er außerdem als Assistent von Igor Markevitch und Leonard Bernstein.
Im Dezember 1976 gab Herbert Blomstedt sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern – zusammen mit dem damals 20-jährigen Pianisten Krystian Zimerman. Die Aufmerksamkeit der Presse richtete sich in erster Linie auf den Preisträger des Chopin-Wettbewerbs von 1975, aber auch der Dirigent wurde für »Begeisterungsfähigkeit und Überzeugungskraft« gelobt. Herbert Blomstedt, der im Laufe seiner Karriere unter anderem Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, des San Francisco Symphony Orchestra und des Leipziger Gewandhausorchesters war, wurde vor allem ab 2008 regelmäßig von den Berliner Philharmonikern eingeladen. Im Zentrum standen Werke von Anton Bruckner – Herbert Blomstedt galt als einer seiner maßgeblichen Interpreten –, von Johannes Brahms und Ludwig van Beethoven. Aber auch für skandinavische Komponisten wie Carl Nielsen und Franz Berwald setzte er sich mit Leidenschaft ein.
Zuletzt war Herbert Blomstedt im April 2026 bei den Philharmonikern zu Gast und dirigierte in drei unvergesslichen Konzerten Bruckners Siebte Symphonie – mit ungeminderter Gestaltungskraft. Woher er diese Energie nehme, wurde er einmal in einem Interview für die Digital Concert Hall gefragt. Seine Antwort: »Ich bin verliebt in die Musik. Sobald ich den Klang des Orchesters höre, bin ich transformiert – es existiert kein Körper, kein Alter, nur die Musik und die Freude daran.«