Der Gambist und Dirigent Jordi Savall ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Quasi im Alleingang verhalf er seinem Instrument, der Gambe, zu internationaler Popularität. Er entdeckte unzählige musikalische Schätze aus Renaissance und Barock, gründete drei berühmte Alte-Musik-Ensembles und ist ein gefragter Pädagoge und Komponist. Ein Porträt.
Jordi Savall hält nicht viel von den Etiketten, die man ihm und seiner Musik anzuheften versucht. »Ich bin Musiker«, erklärt er trocken, »mein Spezialgebiet ist die Viola da Gamba.« Als junger Mann, der gerade das Cello für sich entdeckt hatte, stöberte Savall in den 1960er-Jahren auf der Suche nach unbekanntem Repertoire durch Bibliotheken und Antiquariate in Paris und stieß dabei auf bisher vernachlässigte Musik für die Gambe – eben jenes faszinierende historische Instrument, das äußerlich einem Cello ähnelt, mit seinen sechs bis sieben Saiten jedoch eine ganz eigene Spieltechnik erfordert. Quasi als Autodidakt erforschte er diese neue musikalische Welt anhand historischer Traktate, bis er als Student an der renommierten Schola Cantorum in Basel angenommen wurde – eine Einrichtung, der Savall seit 1974 selbst als Lehrer verbunden ist.
Die Neugier auf Unbekanntes und ein gewisser Forscherdrang durchziehen Savalls gesamtes künstlerisches Schaffen: »Ein vergessenes Werk zu entdecken ist wie ein Fenster in eine verlorene Seele zu öffnen.« Die traditionelle Musik seiner katalanischen Heimat liegt ihm dabei ganz besonders am Herzen, doch stellt er sie meist in einen globalen Zusammenhang. Die Geschichte Spaniens als Handels- und Kolonialmacht, die Begegnungen mit der muslimischen und jüdischen Welt des Vorderen Orients spiegeln sich in vielen seiner Programme.
»Die Feinde der Menschheit sind Ignoranz, Hass und Egoismus«, sagt Savall – und mit großem sozialem wie künstlerischem Engagement bekämpft er diese gesellschaftlichen Tendenzen. Seine Programmgestaltung ist dabei ebenso entscheidend wie seine Ensembles, in denen nicht nur Musiker unterschiedlicher Kulturen und musikalischer Traditionen zusammenkommen – für ihn »ist die Differenzierung zwischen klassischer Musik und Folkmusik oder traditioneller Musik unnatürlich und im Grunde inkorrekt« –, sondern in denen auch die Generationen voneinander lernen.
Das 1989 von Savall gegründete Concert des Nations ist weltweit das einzige Orchester, das bewusst halb mit jungen und halb mit älteren, erfahrenen Mitgliedern besetzt ist, meist aus dem romanischen Sprachraum und Lateinamerika. Eine ähnliche pädagogische Strategie verfolgt Savall auch mit seinem Chor Capella Reial de Catalunya und dem 2021 entstandenen Spezialensemble Capella Nacional de Catalunya, das sich ganz der historischen Aufführungspraxis verschreibt.
Savalls langjährige Muse und engste künstlerische Partnerin war seine Frau, die Sopranistin Montserrat Figueras, die seit 1974 als Mitgründerin von Savalls drei großen Ensembles maßgeblichen Anteil an deren künstlerischer Ausrichtung und Entwicklung hatte. Nach ihrem Tod 2011 war Savall nahe daran, die Musik ganz aufzugeben, doch schließlich entschied er sich, ihre künstlerische Vision von Musik als Brücke zwischen den Kulturen weiterzuführen: »Musizieren ist im Kern eine wortlose Geste der Liebe, absolut existenziell und unerlässlich zum Glücklichsein.«
Savalls musikalischer Kosmos erstreckt sich weit über die Alte Musik hinaus. Seine Aufführungen und die von der Kritik und dem Publikum gefeierten Aufnahmen umfassen Orchesterwerke von Mozart, Mendelssohn und Schubert sowie sämtliche Symphonien Beethovens, und auch diese Musik interpretiert er immer im Geiste der historischen Aufführungspraxis – allerdings weit entfernt von dogmatischem Historizismus: »Authentizität ist relativ, und Kunst ist keine Wissenschaft.«
Denn auch Aufführungen mit historischen Instrumenten und Spieltechniken können immer nur Annäherungen an die Musik vergangener Jahrhunderte sein. »Es gibt keine Maschine, die uns sagt, ob das, was wir machen, fünfzig, sechzig oder hundert Prozent authentisch ist.« Erst die Kombination von musikhistorischem Wissen, Experimentierfreude und technischer Souveränität ermöglicht es, theoretisch und musikalisch fundierte Entscheidungen zu treffen und einen frischen Zugang zu jahrhundertealten Werken zu öffnen. Im Zentrum von Savalls Musizieren steht denn auch, Gefühle und Emotionen für moderne Menschen aus alter Musik zu locken.