Von: Tobias Möller
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»Hier verbinden sich viele Fäden meines Lebens«Kirill Petrenko über Wagners »Rheingold« in Salzburg

Kirill Petrenko im schwarzen Anzug leitet energisch ein Orchester mit erhobenem Taktstock, während im Hintergrund bei gedämpfter Beleuchtung Musiker auf Streichinstrumenten spielen.
Kirill Petrenko | Bild: Monika Rittershaus

Seit 30 Jahren beschäftigt sich Kirill Petrenko mit Wagners Ring des Nibelungen. Er hat den Zyklus in Meiningen, bei den Bayreuther Festspielen und an der Münchner Staatsoper dirigiert – jetzt markiert Das Rheingold als Auftakt eines neuen Gesamt-Rings unter Kirill Petrenkos Leitung die Rückkehr der Berliner Philharmoniker zu den Osterfestspielen in Salzburg. Auf einer Pressekonferenz nach der Generalprobe sprach der Chefdirigent über dieses gewaltige Projekt.

Was diese Wochen der Einstudierung für ihn bedeuteten, wurde Kirill Perenko gefragt. Seine Antwort: »Das ist mein ganzes Leben« – ein Kreis schließe sich für ihn. Das beginnt bereits mit dem Land, in dem das gewaltige Projekt stattfindet: »Österreich ist ja meine Wahlheimat. Ich bin hier musikalisch groß geworden. Ich habe die österreichische Kultur in Wien während meiner Ausbildung aufgesogen, und dort, wo meine Familie gewohnt hat – in Vorarlberg –, habe ich Österreich schon früh als Musikland kennengelernt.« Ein Ring in Österreich – das ist für ihn nicht zuletzt ein Ausdruck des Dankes: »Jetzt etwas zurückzugeben an dieses Land, das mir so viel gegeben hat, ist für mich ein unglaublich schöner Moment.«

Die Schauspieler treten auf der Bühne unter mehreren großen Bildschirmen auf, die lebendige Bilder von fließender geschmolzener Lava und ausbrechenden Vulkanen zeigen und eine dramatische und intensive Atmosphäre schaffen.
Szenenbild aus »Das Rheingold« | Bild: Frol Podlesnyi

Und noch weitere Aspekte machen diesen Ring-Auftakt für Kirill Petrenko einzigartig: der Blick auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Zyklus, der wichtige Stationen seiner Dirigentenlaufbahn markierte, und natürlich die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. Diese steuert mit dem Ring auf einen Höhepunkt zu: »Dieses Werk mit meinem Orchester in meiner Wahlheimat zu realisieren, bedeutet für mich ein unglaubliches Zusammenführen mehrerer Fäden meines Lebens.«

Aus Salzburger Perspektive kommt eine weitere Besonderheit hinzu, denn zum ersten Mal überhaupt wird Wagners Ring in der Felsenreitschule aufgeführt: ein ungewöhnlicher Ort, an dem einst Reitvorführungen stattfanden und der seit 1926 für Theater- und Opernaufführungen genutzt wird. Bekannt ist die Felseinreitschule vor allem für die trutzigen Arkadengänge im Bühnenhintergrund. Kirill Petrenko ist »persönlich ganz begeistert von diesem Raum«. Vor allem wegen der Akustik, die einen optimalen klanglichen Austausch zwischen Bühne und Orchestergraben ermöglicht: »In den Proben sagen mir die Sänger immer wieder, sie hören mich und das Orchester so gut wie sonst selten« – das gleiche würden die Orchestermitglieder über die Hörbarkeit der Sängerinnen und Sänger sagen.

Die archaische Optik der Felsenreitschule fügt sich nahtlos in das Regiekonzept von Kirill Serebrennikov, der eine mythische Welt nach der Apokalypse auf die Bühne bringt. Kirill Petrenko hat die szenischen Proben von Anfang an verfolgt und zeigt sich beeindruckt: »Kirill Serebrennikov hat eine sehr starke Vision von dem Stück. Ich habe jemandem zugeschaut, der anecken möchte, der spektakulär denkt. Solche Ansätze habe ich von jeher unterstützt.«

Wie der Aufführungsort und die Regie lässt das Ensemble auf der Bühne neue Perspektiven erwarten. Denn es war das Ziel bei der Besetzung, ein neues Ring-Ensemble zu präsentieren. Mit Sängerinnen und Sängern, die diese Partien noch nie oder kaum je interpretiert haben. Kirill Petrenko ist von diesem Ansatz überzeugt: »Natürlich reift man mit dem Werk und mit einer Rolle, man wächst hinein. Das kann Jahre dauern. Aber Wagner wollte eben auch Veränderung.« Wichtig ist Kirill Petrenko, Wagners überlieferte Äußerungen zur Interpretation aufzugreifen, die sich oft vom tradierten Ansatz unterscheiden – eine Neuorientierung, die mit jungen Kräften am besten gehe, denn: »Am Anfang eines Weges ist man am flexibelsten.«

Diese Flexibilität erlebt Kirill Petrenko auch in der Arbeit mit den Berliner Philharmonikern: »Ich konnte diesmal musikalisch so viele Dinge umsetzen wie noch nie – weil das Orchester zwar fantastisch ist, aber diese Werke eben nicht jedes Jahr spielt. Es war offen für das, was ich vorgeschlagen habe, und dadurch war die Umsetzung umso leichter.«

Es bleibt die viel diskutierte Frage, wie sich eine geglückte Balance zwischen dem Ensemble auf der Bühne und dem gewaltigen Orchester herstellen lässt. Kirill Petrenko erinnert daran, dass sich der Komponist selbst bereits mit dieser Herausforderung beschäftigt habe: »Wagner sagte immer: Das Orchester soll den Sänger tragen wie ein Ozean einen kleinen Nachen. Der dichterische Text steht an erster Stelle, das Orchester erzählt das Drama mit Motivik und Harmonik auf einer anderen Ebene.« Natürlich gebe es im Ring Stellen, wo das Orchester die Sänger ein wenig verschluckt. »Aber das ist okay, das kann durchaus Wagners Absicht sein. Und wenn die Welle vorüber ist, taucht der Nachen wieder auf.«