Von: Tobias Möller
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»Es ist wie Musizieren in der Familie« Noah Bendix-Balgley und Bruno Delepelaire im Gespräch

Noah Bendix-Balgley und Bruno Delepelaire treten mit einem Orchester in einem Konzertsaal auf - einer spielt Geige, einer Cello -, beide schwarz gekleidet, lächelnd, mit Notenständern vor ihnen und Streichern im Hintergrund.
Noah Bendix-Balgley und Bruno Delepelaire spielen Brahms’ Doppelkonzert in der Philharmonie Berlin, Februar 2026 | Bild: Stephan Rabold

Normalerweise spielen sie als 1. Konzertmeister und 1. Solocellist in der ersten Reihe der Berliner Philharmoniker – bei den Osterfestspielen Salzburg kann man Noah Bendix-Balgley und Bruno Delepelaire als Solisten im Doppelkonzert von Johannes Brahms erleben. Wir haben im Vorfeld mit den beiden Musikern gesprochen: über die Entstehung ihrer Interpretation, die Zusammenarbeit mit Dirigent Tugan Sokhiev und die besondere Atmosphäre eines Festivals.

 

Die Berliner Philharmoniker kehren in diesem Jahr zu den Osterfestspielen Salzburg zurück, wo Herbert von Karajan das Festival 1967 gegründet hat. Was bedeuten die Traditionen des Orchesters für Sie als Musiker?

Noah Bendix-Balgley: Wenn ich in diesem Orchester spiele, denke ich oft an seine Tradition, an sein Erbe. Ich bin in einer Kleinstadt in North Carolina aufgewachsen, und wenn ich ein großartiges Symphonieorchester hören wollte, habe ich natürlich nach Aufnahmen mit Karajan und den Berliner Philharmonikern gesucht. Dann bin ich Mitglied des Orchesters und damit Teil seiner Tradition geworden. Seitdem stelle ich mir immer wieder die Frage: Was versuchen wir zu erhalten, wo braucht es Veränderung und Innovation?

Worum geht es da konkret?

NBB: Manchmal um ganz praktische Dinge: um Bogenstriche, die man hier seit Jahrzehnten so macht und wo ich überlege, ob es nicht bessere Lösungen gibt. Dann muss ich mich entscheiden.

Bruno Delepelaire: Die Berliner Philharmoniker haben sich ja bereits sehr gewandelt. Wenn man den heutigen Klang mit dem unter Karajan oder auch unter Claudio Abbado vergleicht, gibt es große Unterschiede. Natürlich gibt es eine Geschichte und ein Erbe, das wir bewahren müssen. Gleichzeitig besteht eine Gefahr: Wenn wir zu sehr den Traditionen verhaftet sind, bleiben wir in der Vergangen stecken. Und das passt nicht zur Musik.

Bei den Osterfestspielen in Salzburg setzen Sie eine besonders schöne Tradition der Berliner Philharmoniker fort: Sie stehen mit Solopartien vor Ihrem Orchester, und zwar im Doppelkonzert von Johannes Brahms. Ist das vor allem reizvoll oder eher herausfordernd?

BD: Ich denke, es ist beides. Dieses Orchester klingt so großartig, dass man sich wunderbar von ihm getragen fühlt. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, als Solist mit ihm zu spielen. Gleichzeitig möchte man zeigen, dass man diese Auszeichnung auch verdient. Es ist schon anspruchsvoll, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen – und dann nicht bestmöglich zu spielen.

NBB: Aber es ist eben ein Druck, den man sich selbst macht. Wenn ich als Solist mit dem Orchester spiele, habe ich vor allem das Gefühl, dass mich jeder nach Kräften unterstützt. Und es ist ein großer Vorteil, dass man sich so gut kennt. Wenn ich als Gast bei einem anderen Orchester bin, kenne ich meistens nur ein paar Kolleg*innen und bin sonst auf mich gestellt. Du gehst auf die Bühne und lieferst deine Interpretation ab. Das ist hier anders.

Wie ist das in der Probenarbeit?

NBB: Das ist toll! Ich kann direkt zu den Kolleg*innen gehen und einen Abschnitt mit ihnen diskutieren. Das würde ich bei einem anderen Orchester nicht ohne weiteres machen.

BD: Das stimmt – wenn man jeden anderen auf der Bühne kennt, ist das wie ein Musizieren in der Familie.

Wie ist das zwischen Ihnen beiden? Sie musizieren seit vielen Jahren miteinander im Orchester. Inwiefern erleichtert das die gemeinsame Arbeit als Solisten im Doppelkonzert?

NBB: Als Stimmführer diskutieren wir auch sonst die ganze Zeit: Welche Bogenstriche wollen wir, welche Klangfarbe und so weiter. Das lässt sich leicht auf das Musizieren in diesen Solopartien übertragen.

Wie genau tauschen Sie sich aus, wenn Sie nebeneinander auf der Bühne sitzen?

NBB: Manchmal verbal, manchmal nonverbal. Wenn wir ein Werk durchspielen, merke ich zum Beispiel: An dieser Stelle sollten sich die Geigen an der Spielweise der Cellogruppe orientieren. Dann versuche ich das mit meiner Gruppe umzusetzen.

BD: Für mich ist die Kommunikation zwischen den Stimmführer*innen nicht weniger wichtig als die mit dem Dirigenten. Manchmal reicht da ein Augenkontakt. Damit erzielen wir ein kammermusikalisches Zusammenspiel – auch bei sehr groß besetzten Werken.

In Brahms’ Doppelkonzert ist durch das Solisten-Duo der kammermusikalische Aspekt besonders offensichtlich. Was vermuten Sie, was Brahms an dieser ungewöhnlichen Besetzung gereizt hat?

NBB: In seinen Solokonzerten für Klavier oder für Violine und auch hier im Doppelkonzert ist Brahms’ Orchestersatz sehr dicht, es passiert immer unglaublich viel. Vielleicht dachte er, dass er mit der Kombination aus einem tiefen und einem hohen Instrument einen stärkeren Gegenpart schafft. Manchmal scheint es, als würde er aus Cello und Geige ein gewaltiges achtsaitiges Soloinstrument schaffen.

Wobei das Cello etwas benachteiligt ist, weil es sich nicht so leicht wie die Geige über das Orchester erheben kann. Wie geht man als Cellist damit um?

BD: Ich muss da gar nicht viel machen, Brahms selbst exponiert das Cello sehr gut – indem es zum Beispiel am Anfang das erste Solo spielt.

NBB: Auch die Orchestrierung hilft. Die tiefen Streicher und Holzbläser begleiten das Cello, und wenn die Geige übernimmt, kommen die höheren Streicher dazu und sorgen mit den Holzblösern für die richtige Balance.

Es gibt in diesem Werk viel musikalischen Dialog zwischen den Solostimmen. Wie gestalten Sie den?

NBB: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ein Thema zum ersten Mal im Cello erklingt – was oft der Fall ist – und ich es übernehme, überlege ich: Gestalte ich es genauso wie Bruno, mit derselben Bogenführung? Oder gehe ich einen anderen Weg, weil sich der Kontext geändert hat? Vor dieser Entscheidung stehen wir beide oft in diesem Werk.

BD: Ich mag es am meisten, wenn die beiden Solostimmen gleichwertig sind. Es gibt eine Stelle im ersten Satz, wo das Thema ständig zwischen uns hin- und herwandert, und dazwischen spielen wir Triolen. Es ist wie in der Kammermusik – ich liebe das!

Wie haben Sie insgesamt zu Ihrer Interpretation gefunden?

NBB: Zuerst erarbeitet jeder seinen Part, dann arbeitet man zu zweit, außerdem haben wir mit einem befreundeten Pianisten den Klavierauszug aufgeführt. Eine ganz andere Sache ist es allerdings, wenn man schließlich im Saal vor dem Orchester steht. Dann merkt man, was alles nicht funktioniert – dass ein Fingersatz nicht die richtige Farbe erzeugt oder dass man an einer anderen Stelle nicht durchdringt.

Gibt es Tricks, um solche Gefahren zu vermeiden?

BD: Wir haben die Proben aufgenommen, um zu hören, wie die Musik für das Publikum klingt. Dann zeigt sich schnell, was man anders machen sollte – es ist, als würde man jemand anderem zuhören. Du bekommst einen objektiveren Blick auf das, was du tust.

Neben Ihnen beiden und dem Orchester gibt es auch noch den Dirigenten, Tugan Sokhiev. Wie hat er Ihre Interpretation beeinflusst?

BD: Er hatte zum Beispiel vor der ersten Probe einige Anregungen zum Tempo im zweiten Satz – ein ziemlicher Unterschied zu unserem Ansatz. Aber uns gefielen seine Ideen, also haben wir sie aufgegriffen. Es ist ein dauernder Austausch.

Es ist ja ein Zeichen der Wertschätzung, wenn ein Dirigent eingeladen wird, die Berliner Philharmoniker bei einem Gastspiel zu begleiten. Was zeichnet für Sie Tugan Sokhiev aus?

NB: Ich arbeite sehr gerne mit ihm. Seine Interpretationen haben immer lange Linien, haben eine Richtung, ohne dass man sich bevormundet fühlt. Und er gibt uns den Raum, unseren Klang zu entwickeln. 

BD: Hinzu kommt die menschliche Komponente. Er ist sehr zugänglich, das schafft eine gute Verbindung zwischen ihm und dem Orchester. 

Lassen Sie uns noch über Salzburg sprechen. Sie kennen beide die Stadt gut, aber nicht im Kontext der Osterfestspiele. Was glauben Sie, wie das für Sie sein wird?

BD: Das ist so eine Sache. Ich spiele die Opernproduktion nicht mit, damit wird man etwas zum Außenseiter. Denn man kommt erst zu den Festspielen, wenn das Orchester schon probt und die Inszenierung kennenlernt. Aber ich freue mich auf die Stadt – und vor allem natürlich auf die Konzerte.

NBB: Ich muss sagen, dass ich mich sehr auf die Osterfestspiele in Salzburg freue. Ich kenne die Stadt natürlich von unseren Gastspielen zu Beginn der Saison. Aber das sind immer nur zwei Konzerte. Die Osterfestspiele sind viel länger und vielfältiger. Es ist eine wirkliche Residency – sehr spannend.

Gibt es einen atmosphärischen Unterschied zwischen einer üblichen Tournee und so einem Festival?

BD: Auf der Bühne merke ich keinen großen Unterschied. Aber außerhalb des Konzertsaals ist das anders – da spürt man, dass die ganze Stadt von dieser Festivalstimmung durchzogen wird. Das ist ein sehr besonderes Gefühl.

 

Brahms’ Doppelkonzert mit Noah Bendix-Balgley und Bruno Delepelaire

In der Digital Concert Hall