Von: Nicole Restle
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Eine sonnenbeschienene Straße in Salzburg mit Fahnen auf der linken Seite, historischen Gebäuden und der Festung Hohensalzburg auf einem Hügel im Hintergrund; das Bild hat einen Doppelbelichtungseffekt.
Das Festspielhaus vor der Festung Hohensalzburg | Bild: Vincent Forstenlechner

Die Osterfestspiele 2026 in Salzburg sind für die Berliner Philharmoniker Rückkehr und Neuanfang zugleich. Nach 13 Jahren in Baden-Baden kehrt das Orchester an den Ort zurück, an dem 1967 eine einmalige Erfolgsgeschichte begann.

Mit der Gründung der Osterfestspiele erfüllte sich Herbert von Karajan 1967 einen langgehegten Traum: der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wollte sich ein Podium schaffen, auf dem er seine Vorstellungen einer überzeugenden Inszenierung von Wagner-Opern realisieren konnte – nicht nur als Dirigent, sondern auch als Regisseur, Veranstalter und Unternehmer. Karajan gehörte zum damaligen Zeitpunkt zwar zum Direktorium der Salzburger Festspiele und war maßgeblich an deren Programmgestaltung beteiligt, aber Wagner kam dort grundsätzlich nicht auf die Bühne, um dem gleichzeitig in Bayreuth stattfindenden Festival keine Konkurrenz zu machen. Jedoch, Wagner in Salzburg zu Ostern – das ging. 

Karajan startete gleich mit einem ambitionierten Projekt, dem Ring des Nibelungen. Er machte die Berliner Philharmoniker dafür zum Opernorchester, präsentierte in vier aufeinanderfolgenden Jahren den kompletten Ring-Zyklus, und setzte mit seinen visionären Wagner-Interpretationen Maßstäbe. Zudem gab es neben der Opernproduktion nun zu Ostern Konzertaufführungen mit dem Chef wie auch mit weltberühmten Gastdirigenten und internationalen Solistinnen und Solisten. 

»Ich wollte in dieser Stadt, die ja auch meine Geburtsstadt ist, zu festlichem Theater und Musizieren ein Publikum versammeln, das aus Kennern und Liebhabern besteht und großen Werken der Musik begegnen will«, begrüßte Karajan 1967 seine Gäste. Dem Dirigenten, der auch das unternehmerische Risiko trug, blieb damals nach Abzug aller Unkosten ein Gewinn von genau 300 Schilling (heute etwa 24 Euro). Sein künstlerisches Konzept jedoch ging vollständig auf: Salzburg wurde fortan nicht nur im Sommer, sondern auch im Frühjahr zu einem Mekka für Musikbegeisterte. 

»Es war, als ob die ganze Stadt plötzlich auf ein Podest gehoben wurde. Das Festival verströmte eine ganz eigene, besondere Atmosphäre«, erinnert sich Eva-Maria Tomasi, Geigerin der Berliner Philharmoniker und Mitglied des Orchestervorstands. Der gebürtigen Salzburgerin ist das Festspielflair ihrer Stadt von Kindheit an vertraut. »Als Studentin hatte ich das Glück, einige der Generalproben miterleben zu dürfen. Da fühlte ich mich immer besonders inspiriert. Damals konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, selbst einmal dazuzugehören.« Als Stipendiatin der Karajan-Akademie wirkte Eva-Maria Tomasi 1987 erstmals bei den Salzburger Osterfestspielen mit, in Mozarts Don Giovanni unter Karajans Leitung: ein für sie bis heute unvergessenes Erlebnis. Wenngleich die Inszenierungen von Wagner-Werken während der Ära Karajan den Schwerpunkt bildeten, gab es im Laufe der Jahre auch Opern anderer Komponisten: Puccinis Tosca und La Bohème mit Luciano Pavarotti und Mirella Freni, Verdis Troubadour und Don Carlos oder Bizets Carmen mit Agnes Baltsa.

Neue Akzente

Karajans Nachfolger, Claudio Abbado und Sir Simon Rattle, führten die Tradition der Salzburger Osterfestspiele fort – setzten jedoch eigene künstlerische Akzente: Unter Abbado verlagerte sich der Fokus weg von Wagner, stattdessen gehörten Modest Mussorgskys Boris Godunow, Alban Bergs Wozzeck und Giuseppe Verdis Simon Boccanegra zu den künstlerischen Höhepunkten seiner Amtszeit. Rattle setzte neben Mozarts Così fan tutte und Bizets Carmen auch Opern wie Benjamin Brittens Peter Grimes und Claude Debussys Pelléas et Mélisande auf das Programm und gestaltete – in Koproduktion mit dem Festival in Aix-en-Provence – 2007 bis 2010 eine Neuproduktion von Wagners Ring. Es galt, die Osterfestspiele inhaltlich und strukturell neu auszurichten, sie moderner und offener zu konzipieren, ohne auf Bewährtes zu verzichten. Gleichwohl wünschte sich das Orchester mehr als die bislang üblichen zwei Opernaufführungen, damit sich die aufwendige Proben- und Produktionszeit lohnt, und auch größere Möglichkeiten für seine Kammermusik- und Education-Projekte. Aus diesem Grund verlegte es schließlich sein Festival nach Baden-Baden. 

Musikalische Heimat

Allerdings: »Für die Berliner Philharmoniker ist Salzburg zur zweiten Heimat geworden, sie haben dort im Laufe der Jahre Wurzeln geschlagen«, meint Eva-Maria Tomasi. »Wir hatten immer das Gefühl, dass es keine Trennung auf Dauer ist.« Zwar hat in den letzten Jahren im Orchester ein Generationenwechsel stattgefunden, sodass ein Drittel des Orchesters, die jüngeren Musikerinnen und Musiker, die Salzburger Zeit gar nicht mehr kennengelernt hat, doch die übrigen Mitglieder fühlten sich Salzburg nach wie vor verbunden. Und so war die Rückkehr zum Ursprung der Osterfestspiele ein logischer Schritt. »Karajan hat die Festspiele für die Berliner Philharmoniker gegründet, sie gehören zur DNA des Orchesters. Umso einschneidender war der Schritt vor 13 Jahren, nach Baden-Baden zu gehen«, meint Andrea Zietzschmann, Intendantin der Berliner Philharmoniker. »Die Zeit dort hat aber viele neue Perspektiven geöffnet. Die Berliner Philharmoniker konnten sich mit den Osterfestspielen an der Oos nochmal neu erfinden. Mit dem in Baden-Baden gemachten Erfahrungsschatz geht es jetzt zurück nach Salzburg.«

Neuanfang mit Wagner

Ebenso folgerichtig erscheint, dass zu Beginn dieses Neuanfangs eine Neuproduktion von Wagners Ring steht – nicht allein als Reminiszenz an Herbert von Karajan und Sir Simon Rattle. Produktionen der Tetralogie begleiteten von Anfang an auch die Karriere von Kirill Petrenko, der mit dem Ring am Staatstheater Meiningen, bei den Bayreuther Festspielen und an der Bayerischen Staatsoper Erfolge feierte. Bei einer Pressekonferenz im September 2025 gestand der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, er habe mit Ausnahme des Rosenkavalier an keinem anderen Musikstück so lange und so akribisch gearbeitet wie am Ring. Wagners düstere Parabel über Macht und Machtmissbrauch zeigt auf beklemmende Weise, wie Gesellschaften untergehen können, wenn die Macht in den falschen Händen liegt, und besitzt dadurch in der heutigen Zeit eine ungeheure Aktualität. Zumal Kirill Serebrennikov die Inszenierung gestaltet, ein Regisseur, der in seiner russischen Heimat der autoritären Machtausübung von Putins Regime selbst ausgesetzt war. »Kirill Serebrennikov hat einen hochspannenden, zeitgemäßen Zugang zum Ring«, betont Andrea Zietzschmann. 

»Als Kirill Petrenko ihn kennenlernte, merkte er sofort: die Chemie zwischen den beiden stimmt, Vision und Arbeitsweise passen perfekt!« Was diese Ring-Produktion von den früheren in Salzburg unterscheidet: 2028 schieben Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker eine Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron ein, die noch nie bei den Salzburger Osterfestspielen auf dem Programm stand. Mit ihr wollen Orchester und Dirigent eine Brücke in die Moderne schlagen. Los geht es bei den diesjährigen Festspielen mit dem Rheingold, als Wotan gibt Christian Gerhaher sein Rollendebüt. Eva-Maria Tomasi freut sich auf eine spannende Produktion. »Ab der Walküre müssen wir uns auch auf die Länge der Opern einstellen, das sind wir als Konzertorchester nicht gewohnt. Aber ich freue mich jetzt schon, wie uns Kirill Petrenko sicherlich mit großer Spannung und Begeisterung durch diese gewaltigen Opernwerke führen wird.«

Karajan in einem hellen Mantel sitzt am Rande einer Bühne und spricht zu einer großen Gruppe von Menschen, die sich in einem Auditorium versammelt haben. Die meisten Menschen sind auf den Redner konzentriert, wodurch eine engagierte Atmosphäre entsteht.
Herbert von Karajan bei einer Probe im Großen Festspielhaus. In der Bildmitte die Konzertmeister Thomas Brandis und Leon Spierer | Bild:  Siegfried Lauterwasser / Archiv Berliner Philharmoniker

Konzert vom Feinsten

Auch die Konzerte, die die Opernproduktion in diesem Frühjahr begleiten, sind hochkarätig. Kirill Petrenko dirigiert Gustav Mahlers gigantisch besetzte Achte Symphonie mit dem Beinamen »Symphonie der Tausend«, über die der Komponist selbst sagte, sie sei – als musikalischer Ausdruck seiner metaphysischen und humanistischen Ideen – das Größte, was er je gemacht habe. Daniel Harding leitet zwei Aufführungen von Haydns Oratorium Die Schöpfung, das mit überbordender Lebensfreude Gottes Welt mit ihren Geschöpfen feiert. Tugan Sokhiev entführt mit Hector Berlioz’ Symphonie fantastique in die Abgründe einer von Liebesqualen gepeinigten Seele. Des Weiteren dirigiert er Brahms’ Doppelkonzert mit dem Ersten Konzertmeister Noah Bendix-Balgley und dem Ersten Solocellisten Bruno Delepelaire als Solisten sowie Max Bruchs Erstes Violinkonzert, dessen Solopart Janine Jansen interpretiert, Trägerin des Herbert-von-Karajan-Preises der Salzburger Osterfestspiele.

»Natürlich knüpfen wir nicht nur an die alten Traditionen an, sondern entwickeln die Osterfestspiele weiter und profitieren dabei auch von den langjährigen Erfahrungen in Baden-Baden. So wird es mehr Kammermusik- und Education-Projekte geben«, sagt Andrea Zietzschmann. In sieben Kammermusikkonzerten präsentieren sich denn auch Ensembles und Mitglieder der Berliner Philharmoniker an verschiedenen Orten der Stadt in intimen, kleinen Besetzungen. Neues bringt das Education-Programm des Orchesters: Im Be Phil Orchestra vereinen sich Laienmusikerinnen und -musiker aus Österreich und den umliegenden Ländern mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker. Sie erarbeiten ein Programm, das sie unter der Leitung von Tugan Sokhiev aufführen. Ein Projekt, das exemplarisch für den neuen Geist der Osterfestspiele Salzburg steht: Musik als gemeinsames, verbindendes Erlebnis. Und so gestaltet sich die Rückkehr der Berliner Philharmoniker zugleich als Aufbruch in Neues.