Von: Saskia Dittrich
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Als sogenannter »Vorabend« steht Wagners Rheingold etwas im Schatten der großen Ring-Dramen wie Walküre und Götterdämmerung. Dabei braucht jedes Riesenprojekt einen Anfang – und dieser hat es in sich: von königlichen Kurzschlusshandlungen bis zur Erfindung neuer Instrumente und halsbrecherischen Schwimmmaschinen. Entdecken Sie in sieben Storys, warum Das Rheingold so viel mehr bietet als nur einen Prolog zum großen Drama.

1. Rückwärts getextet, vorwärts komponiert

Eigentlich wollte Richard Wagner nur eine Oper über den strahlenden Helden Siegfried schreiben. Einen ersten Textentwurf zu Siegfrieds Tod hatte er schon mit 35 Jahren verfasst. Doch kaum mit der Arbeit begonnen, erschien es ihm: Das Publikum könne das ganze Drama ohne eine passende Vorgeschichte gar nicht begreifen – und auch diese Vorgeschichte bräuchte ja eigentlich wieder eine Vorgeschichte … und so weiter und so fort. Das Endergebnis ist legendär: Der Ring des Nibelungen umfasst drei ausgewachsene Opern und einen »Vorabend«.

Beim Komponieren jedoch bewegte sich Wagner wieder vorwärts: von Das Rheingold, über Die Walküre und Siegfried zu Götterdämmerung. 26 Jahre verbrachte er mit dem monumentalen Zyklus, verfasste rund 700 handschriftliche Seiten Operntext und schenkte der Nachwelt – je nach Dirigent – bis zu 16 Stunden Musikdrama. Ein Werk, bei dem die Vorgeschichte selbst schon zur Legende geworden ist.

2. Zeitlose Wahrheiten

Diebische Zwerge, Ritter in Schwanenbooten und Sänger, die mit Göttinnen verkehren: Richard Wagner hatte nun wirklich keinen Sinn für Realismus. Doch warum eigentlich? Während sich seine italienischen Kollegen, Giacomo Puccini und Giuseppe Verdi zum Beispiel, vorzugsweise von Figuren aus dem echten Leben bedienten – von Tuberkulose-geplagten Kurtisanen, liebesblinden Künstlern oder verzweifelten Alleinerziehenden – wählte Wagner seine Stoffe lieber aus Mythen und uralten Sagen. In seiner programmatischen Schrift »Oper und Drama« betont er, dass Mythen das Menschliche auf eine zeitüberdauernde Essenz verdichten: Erst durch Verfremdung wird das Zeitlose sichtbar. 

Seine Theorie geht auf: Schon die Eröffnungsszene des Rheingolds wirkt beim zweiten Hinsehen irritierend vertraut. Das Elend der Geschichte beginnt – natürlich – mit einem angeknacksten Männer-Ego. Ein kleiner Mann namens Alberich begafft die drei Rheintöchter, die eigentlich ganz in Ruhe ihrer Schwimmroutine nachgehen – und mit mangelnder Ernsthaftigkeit einen Schatz bewachen. Das ist aber zunächst Nebensache. Wahl- und glücklos versucht Alberich mit Floßhilde, Woglinde und Wellgunde zu flirten – dabei ist ihm offenbar ganz egal, bei welcher Frau er potenziell landet.

Anstatt sich die Abfuhren zu Herzen zu nehmen und sein Frauen- und Männerbild zu überdenken, zieht Alberich einen radikalen Schlussstrich: In beleidigtem Trotz schwört er der »Liebe« für immer ab und setzt fortan alles auf Machtgewinn – mithilfe des legendären Rheingolds. Wo das gekränkte Ego wütet, ist der Griff nach rücksichtsloser Macht manchmal nicht weit. Wer hier keine Ähnlichkeiten zu aktuellen Krisen und Autokraten erkennt, muss vielleicht doch bei Puccini und Verdi bleiben.

3. Ungewollte Uraufführung

Im August 1869 platzte dem jungen bayerischen König Ludwig II. endgültig der Kragen: »Den nichtswürdigen und ganz unverzeihlichen Intrigen von Wagner und Konsorten muss schleunigst ein Ende gemacht werden. Ich erteile hiermit den bestimmten Befehl, dass die Vorstellung am Sonntag stattfinde.« Mit diesen Worten befahl der Monarch die Uraufführung vom Rheingold in München – und setzte sich damit über den ausdrücklichen Wunsch seines verehrten Komponisten hinweg.

Wagner selbst hatte eigentlich Großes vor: Sein vierteiliges Opernepos Der Ring des Nibelungen sollte komplett und aus einem Guss uraufgeführt werden, nur waren die letzten zwei Teile noch nicht fertig. 

Wagner war außerdem mit den Proben derart unzufrieden, dass er immer wieder beim König einen Aufschub forderte – teilweise mit zeitschindenden, zwielichtigen Mitteln. Vergebens. Die Premiere fand statt – allerdings ohne den beleidigten Wagner im Publikum. 

Den Traum von der Gesamtaufführung des Rings musste sich Wagner dann einige Jahre später selbst erfüllen: In dem eigens dafür erbauten Festspielhaus in Bayreuth – wobei der König ihm hierzu ein großzügiges Darlehen gab. 

Historische Zeichnung des Festspielhauses Bayreuth mit Fahnen, umgeben von Spaziergängern und einer Pferdekutsche; links steht ein runder Brunnen und im Hintergrund erheben sich Hügel.
Richard Wagners Festspielhaus Bayreuth (Titelblatt von »Illustrirtes Wiener Extrablatt«), 1874 | Bild: Richard Weix (Weixlgärtner) (Künstler), C. Millmann (Ausführung), CC0, Wien Museum

4. 136 Takte Es-Dur

Richard Wagner knüpfte an die großen Ambitionen der französischen Grand Opéra an und trieb sie auf eine neue Spitze – er dehnte die Grenzen des Genres aus, verlängerte die Aufführungsdauern und stellte immer gewaltigere Anforderungen an das Orchester. Doch jenseits dieser Megalomanie kann man schon bei den ersten Takten von Rheingold hören, dass hier etwas anders, gewagter und – und genial – ist. Das Vorspiel beschreibt die Entstehung der Welt und die beginnt in den Kontrabässen. Zunächst hört man hier fast gar nichts, weil das von den Kontrabässen angestimmte tiefe Es eher im Bauch erfühlt, als mit dem Ohr wahrgenommen werden kann. Im fünften Takt kommt die Bass-Klarinette hinzu, später die Hörner. In sagenhaften 136 Takten türmt Wagner einen monumentalen Es-Dur-Akkord auf, einen musikalischen Urkontinent, bevor die Rheintöchter singen dürfen. 

Ein bemerkenswerter Einfall, für den Richard Wagner als talentierter Selbstvermarkter die passende Entstehungsgeschichte in seinen Memoiren liefert. Angeblich sei ihm bei einer Italienreise und unter dem Einfluss von Heimweh, Magenverstimmung durch zweifelhaftes Speiseeis und akutem Schlafmangel der Einfall gekommen: »dafür versank ich in eine Art von somnambulem Zustand, in welchem ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahinwogte; diese Brechungen zeigten sich als melodische Figurationen von zunehmender Bewegung, nie aber veränderte sich der reine Dreiklang von Es-dur, welcher durch seine Andauer dem Elemente, darin ich versank, eine unendliche Bedeutung geben zu wollen schien.«

5. Sechs Harfen, 18 Ambosse und Wagner-Tuben

Gewaltige Opernwerke brauchen aber nicht nur zeitlose Dramen und geniale Einfälle. Für richtig viel Wumms braucht es auch die richtigen Instrumente bzw. die richtige Anzahl. Sechs Harfen zum Beispiel werden eingesetzt, damit das Rheingold musikalisch auch richtig schimmert. Wenn es dann später in das Reich von Alberich nach Nibelheim in die Goldminen geht, packt Wagner richtig aus: 18 Ambosse werden hier zu Perkussionsinstrumenten. Und weil die Zweckentfremdung von Handwerkutensilien noch nicht kreativ genug ist, entwickelt Wagner auch noch gleich ein neues Instrument: Die sogenannte Wagnertuba wurde von ihm im Sommer 1853, während seines Züricher Exils, konzipiert. Da arbeitete er gerade am Rheingold. Für das Walhalla-Motiv hatte er eine spezifische Klangvorstellung, die die bestehenden Blechblasinstrumente nicht erfüllten. Weil ein Instrument nicht mal eben schnell neu erdacht, gebaut und erprobt werden kann – wofür Wagner später auch noch die Hilfe eines Hornisten und mehrerer Instrumentenbauer benötigte –, dauerte es noch eine Weile bis die erste Wagnertuba fertig war. Bei der Uraufführung in München jedenfalls, kam sie noch nicht zum Einsatz.

6. Eine schwindelerregende Schwimmmaschine

»Als wir am 3. Juni 1876 in Bayreuth angekommen waren, sahen wir zum erstenmal unsre Schwimmaschinen. Allmächtiger! Eine schwere dreieckige Maschine, eine gewiß 20 Fuß hohe Eisenstange, an deren Ende ein schräges Gittergestell saß; und da hinein sollten wir und darin singen!» So erinnert sich Lili Lehmann, eine der ersten Rheintöchter, an ihren Arbeitsbeginn im Festspielort Bayreuth.

Denn auch im Bereich der Bühnentechnik setzte Wagner Maßstäbe, die bis dato mindestens als »ehrgeizig« galten: In Bayreuth sollten Sängerinnen als Rheintöchter schwebend und schaukelnd die perfekte Illusion von schwimmenden, singenden Nixen vermitteln. Die erste Testfahrt auf der »Schwimmmaschine« liest sich entsprechend aufregend: »Ich stieg also auf. Es gefiel mir bald sehr gut, ich bewegte mich zunächst mit den Armen – der ganze Oberkörper war frei, anhalten konnte man sich an nichts – dann auch mit dem Körper; endlich entschloss sich auch Minna Lammert zu der Schwimmprobe, und nun schwammen und sangen wir darauf los, dass es eine Freude war.«

Wagner selbst soll, ganz in Vaterstolz und Bühnenrausch, die frisch gebackenen Rheintöchter nach erfolgreicher Probe unter Freudentränen geherzt haben. Doch die anfängliche Freude hatte ihre Grenzen: Kurz vor der Premiere eröffnete man Lili Lehmann und ihren Bühnenschwestern noch, dass sie zur Krönung der Illusion zusätzlich einen Meerjungfrauenschwanz an den Beinen tragen müsse.

7. Gefühlswegweiser

Keine Wagner-Fakten ohne die Erwähnung des Leitmotivs bzw. der Leitmotive, es sind ja sehr viele. Kaum ein anderes Schlagwort haftet dem Komponisten so sehr an wie dieses. Wagner trieb die Kunst der wiederkehrenden musikalischen Zeichen im Ring bis zur Perfektion: Für fast alles, was im Drama Bedeutung hat – Charakter, Gegenstand, Stimmung oder metaphysische Weltidee – komponierte er ein eigenes musikalisches Erkennungsthema.

Sie kennen den Darth-Vader-Marsch aus Star Wars? Komponist John Williams hat bei Wagner praktisch in die Technikkiste gegriffen. Im Ring sind es über 100 Leitmotive, die durch die Partitur geistern.

Das Wort »Leitmotiv« stammt nicht von Wagner selbst – er bevorzugte poetischere Begriffe wie »Erinnerungsmotiv« oder das charmante Wort »Gefühlswegweiser«. Der Begriff setzte sich trotzdem durch, und Wagner widersprach auch nicht.

Vorläufer für diese Technik waren bereits vorhanden. Hector Berlioz verwendete in seiner Symphonie fantastique sogenannte »idée fixe« und auch Carl Maria von Weber hatte in seinem Freischütz schon mit musikalischen Wiedererkennungseffekten gearbeitet. Aber, typisch Wagner: Er trieb das Prinzip so weit, dass daraus am Ende nicht weniger als eine musikdramaturgische Revolution entstand. Und die kann ihm bis heute kaum jemand absprechen.