Von: Tobias Möller
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»In Bogotá werde ich ein Greenhorn sein«Schlagzeuger Raphael Haeger und Bratschist Martin Stegner im Gespräch

Zwei Männer treten auf der Bühne auf; der eine spielt Geige, während er eine Brille trägt und einen Anzug anhat, der andere, in einem schwarzen Hemd, sitzt lächelnd da, eine Geige auf dem Schoß. Dunkles, elegantes Ambiente.
Martin Stegner, Rapael Haeger | Bild: Monika Rittershaus

Für die meisten Berliner Philharmoniker ist diese Tournee nach Südamerika eine Reise ins Unbekannte. Wir haben vorab mit zwei Musikern gesprochen, für die das nicht gilt. Schlagzeuger Raphael Haeger ist in Brasilien fast zu Hause, Bratschist Martin Stegner war schon bei der letzten Südamerika-Tour unter Claudio Abbado dabei. In unserem Interview geht es um die Begegnung mit den Menschen und der Kultur dieser Länder, um Vorfreude und die Überraschungen einer solchen besonderen Reise.

Martin Stegner, Sie waren bereits bei der letzten Tournee der Berliner Philharmoniker nach Südamerika dabei. Damals, im Mai 2000, ging es unter der Leitung von Claudio Abbado nach Buenos Aires, São Paulo und Rio de Janeiro. Woran können Sie sich erinnern?

Martin Stegner: Ich erinnere mich weniger an Musikalisches als an das Drumherum. Wie sehr in diesen alten Theatern zum Beispiel die Sitze geknackt haben. Das gab in den Konzerten einen ziemlichen Lärm. Oder wie wir in Rio de Janeiro mit Polizeischutz in die Favelas gefahren sind, um eine Sambaschule zu besuchen. Buenos Aires habe ich als ziemlich melancholisch erlebt, weil es damals ein Sterben der traditionellen Tango-Lokale gab. Das hat sich zum Glück wieder gebessert.

Wie war Claudio Abbado auf dieser Tour?

MS: Sehr entspannt. Diese südlichen Länder waren ihm vielleicht näher als Berlin. Es war auch nicht alles perfekt durchorganisiert – ein bisschen wie in Italien.

Sie waren seitdem aber nicht wieder in Südamerika?

MS: Leider nicht. Ich war einmal in Costa Rica, also in Mittelamerika, und habe dort Kurse in einem Jugendorchester gegeben, dem Orquesta Juvenil Centroamericana. Das war toll, vor allem wie die jungen Leute sich gegenseitig geholfen haben, ganz ohne Konkurrenzgedanken.

Raphael Haeger, Sie waren schon oft in Südamerika.

Raphael Haeger: Ja, ich bin mit einer Brasilianerin verheiratet. Deshalb sind wir seit 30 Jahren regelmäßig dort. Auch Argentinien kenne ich gut, weil meine Frau, die Tänzerin ist, dort fünf Jahre lang Kurse gegeben hat.

Worin unterscheiden sich die beiden Länder?

RH: Zum Beispiel im Wetter. Der Winter in Brasilien fühlt sich wie unser Sommer an, da kann man in kurzen Hosen am Strand rumlaufen. Dann kommst du nach Buenos Aires, und dort wirbeln die Blätter durch die Straßen, die Sonne steht tief und du brauchst eine Jacke. Es gibt dann so eine Herbst- und Winterstimmung, die man auch im Tango wiederfindet.

Brasilien ist für Sie fast eine zweite Heimat. Was ist für dieses Land charakteristisch?

RH: Die Großstadtbrasilianer warnen ihre Gäste oft davor, allein auf die Straße zu gehen, weil sie unglaubliche Angst haben, dass denen etwas passiert. Aber wenn man sich wirklich auf die Straße begibt, erlebt man Dinge, die es bei uns nicht gibt. Ich bin bei meinem letzten Besuch mit einem Taxi gefahren, und als ich mein Gepäck in den Kofferraum legen wollte, war der voll mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken. Der Fahrer hat mir erklärt, dass er alle diese Sachen immer am Anfang eines Monats kauft. Wenn er dann an der Straßenecke einen Obdachlosen sieht, winkt er ihn heran und versorgt ihn mit dem Nötigsten. Und das war ein Taxifahrer, der sicher auch nicht im Geld schwimmt. Es ist wie das, was Martin in Costa Rica erlebt hat: Man hilft sich gegenseitig ganz intensiv. Dass an Weihnachten eine Nachbarin allein in ihrer Wohnung sitzt, gibt es in Brasilien nicht.

Neben Ihren persönlichen Erfahrungen haben Sie beide auch eine musikalische Beziehung zu Südamerika: durch Ihr Ensemble Bolero Berlin, in dem Sie mit Kollegen der Berliner Philharmoniker und weiteren Musikern lateinamerikanische Musik spielen. Wie ist die Liebe zu Samba, Bossa Nova & Co. entstanden?

MS: Ich habe vor vielen Jahren in einer Gruppe mit anderen Philharmonikern Jazzrock gemacht. Dann wollte ich mir etwas anderes suchen, wo der Klang mehr im Vordergrund steht und wir unsere Qualitäten als klassische Musiker stärker einbringen können. So bin ich auf südamerikanische Musik gekommen und habe Kollegen im Orchester eingeladen mitzumachen. Raphael war ein Glücksfall, weil er neben Schlagzeug auch super Klavier spielt und diesen brasilianischen Hintergrund hat.

Wie anspruchsvoll ist es, sich eine solche musikalische Welt zu erschließen?

RH: Es gibt ja eine Wechselbeziehung zwischen südamerikanischer und europäischer Kultur, das macht es leichter. Das Bandoneon, das den Tango so stark prägt, kommt ursprünglich aus dem Vogtland und ist dann irgendwann nach Südamerika gelangt. Diese Musik ist für uns mit unserem klassischen Hintergrund viel zugänglicher als etwa der Jazz mit seinen afroamerikanischen Wurzeln. Und es gibt in brasilianischer Musik auch Spuren von deutscher oder Tiroler Musik.

MS: Stilrichtungen wie der Chorinho, der Bossa Nova oder auch der Tango sind außerdem auskomponiert. Da geht es weniger um Improvisation, sondern viel mehr um Polyphonie und Kontrapunkt. Das ist uns natürlich viel näher.

»Dass an Weihnachten eine Nachbarin allein in ihrer Wohnung sitzt, gibt es in Brasilien nicht.«

Nun steht die Reise der Berliner Philharmoniker nach New York, nach Bogotá, São Paulo und Buenos Aires an. Wie ist es für Sie, nach New York zu kommen, wo das Orchester regelmäßig auftritt?

RH: Ich bin sehr gern in Städten, in denen ich schon oft war. Dann muss ich nicht mehr die touristischen Highlights abarbeiten. Ich kann mir in New York also meine Nischen suchen und zum Beispiel schauen, in welchen Clubs welche Bands spielen.

MS: Ich nehme mir immer vor, mal andere Stadtviertel kennenzulernen. So bin ich letztes Mal mit Kollegen nach Queens gekommen, das fast kleinstädtische Ecken hat und mit den New-York-Klischees überhaupt nichts mehr zu tun hat. Das fand ich wahnsinnig spannend.

Wie sehen Sie den weiteren Stationen Bogotá, São Paulo und Buenos Aires entgegen?

RH: Bogotá ist für mich völlig unbekanntes Terrain, da werde ich ein Greenhorn sein. In Buenos Aires war ich früher oft, aber mein letzter Besuch liegt lange zurück. Das war vielleicht 2001. Ich bin gespannt, wie sich die Stadt entwickelt hat. Leider gab es inzwischen schwere Wirtschaftskrisen, die sicher ihre Spuren hinterlassen haben. In Brasilien wird es ganz anders sein: Da interessiere ich mich weniger für Städte und Landschaften, sondern vor allem für die Begegnung mit Menschen. Ich habe da ganz andere Möglichkeiten als in Kolumbien und Argentinien, weil ich die Sprache spreche.

MS: Ich bin gespannt, wie ich in Bogotá mit der Höhe von über 2600 Metern zurechtkomme. Dann werde ich mich mit Kollegen verabreden, um nicht allein loszuziehen. In São Paulo werde ich an meinen letzten Besuch mit Abbado anknüpfen. Ich hatte damals noch keine wirkliche Beziehung zur brasilianischen Musik und bin zufällig in ein Lokal mit Live-Musik geraten. Das hat mich total begeistert, das werde ich diesmal gezielt suchen. Ebenso in Buenos Aires, wo ich hoffe, ein authentisches Tango-Orchester zu erleben. Der Tanz an sich reizt mich weniger, aber die Musik! Es wäre natürlich großartig, mit solchen Musikern zusammenzukommen. 

Interessant wird auch die Begegnung mit dem Publikum in den Konzerten des Orchesters. Das wird womöglich anders reagieren als zu Hause in Berlin.

MS: Das stimmt, aber das ist ohnehin immer so. Auch in Europa unterscheidet sich das Publikum von Land zu Land und Stadt zu Stadt.

RH: Ich kenne Orchester im Süden Brasiliens, bei denen es nach jedem Konzert Standing Ovations gibt, der Applaus aber sehr schnell endet und alle nach Hause gehen. Das sind so länderspezifische Eigenheiten, die man erst einmal deuten muss.

Was wird Ihr persönliches Highlight auf dieser Tournee sein?

MS: Bei mir wird es, glaube ich, das Teatro Colón in Buenos Aires sein. Das ist ein so einzigartiges Gebäude mit einzigartiger Geschichte. Damals unter Abbado habe ich es zwischen all den anderen Eindrücken kaum wahrgenommen. Jetzt möchte ich die Aura des Theaters einatmen – was dort schon alles passiert ist!

RH: Bei mir sind es eindeutig die persönlichen Begegnungen in Brasilien. Es werden viele Freunde und Bekannte vorbeikommen, einfach um Hallo zu sagen. Darauf freue ich mich am meisten. Aber wer weiß? Vielleicht warten auch in Bogotá Überraschungen auf mich, die ich nie vergessen werde.