Vier Städte, drei Zeitzonen, ein Orchester
New York & Südamerika 2026
Die Berliner Philharmoniker reisen mit Chefdirigent Kirill Petrenko im Oktober nach New York, Bogotá, São Paulo und Buenos Aires. Nach Südamerika kehrt das Orchester erstmals seit gut einem Vierteljahrhundert zurück – Kolumbien erlebt die Berliner Philharmoniker sogar zum ersten Mal überhaupt. Vier Stationen, vier Säle, vier ganz eigene Musikgeschichten. Kommen Sie mit?
Erster Stopp
New York City, USA
Carnegie Hall
Bild: Rob Davidson
Bild: Rob Davidson
8. bis 11. Oktober 2026
Ort: Carnegie Hall, New York City
Eröffnung: 1891
Kapazität: ca. 2.800 Plätze
Carnegie Hall
Bild: Rob Davidson
Bild: Rob Davidson
8. bis 11. Oktober 2026
Ort: Carnegie Hall, New York City
Eröffnung: 1891
Kapazität: ca. 2.800 Plätze
New York – Carnegie Hall
Unsere Reise beginnt im tosenden Straßenschachbrett von Manhattan. Draußen hupen die Taxis, schwellen die Stimmen der Menschen zu einem immerwährenden Brummen an. Drinnen, in der Carnegie Hall, muss man dagegen behutsam mit der Lautstärke sein. Die Akustik trägt jedes Hüsteln und jedes Pianissimo.
Eröffnet wurde der Saal im Mai 1891, und der Ehrengast des fünftägigen Eröffnungsfestivals war kein Amerikaner, sondern ein Russe: Peter Tschaikowsky, der eigens über den Atlantik reiste und selbst am Pult stand. Er war nervös, litt unter Heimweh – und wurde gefeiert. »Ich bin hier zehnmal so berühmt wie in Europa«, schrieb er nach seinen Auftritten an seinen Neffen. Auch die Berliner Philharmoniker haben auf ihrem diesjährigen Gastspiel in New York ein Werk des Russen im Programm: die Symphonie Nr. 4.
Zum ersten Mal kamen die Berliner Philharmoniker 1955 nach New York, auf ihrer ersten USA-Tournee. Der Besuch eines deutschen Orchesters so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg traf in Amerika zunächst auf gemischte Gefühle – nicht zuletzt wegen der NSDAP-Mitgliedschaft von Chefdirigent Herbert von Karajan. Doch schon bald überwog der Jubel, und so gehört New York heute zu den häufigsten Reisezielen der Berliner Philharmoniker.
Der Große Saal – seit 2006 offiziell Stern Auditorium/Perelman Stage – fasst rund 2800 Menschen auf fünf steil gestaffelten Ebenen. Und ein Kuriosum: Die Carnegie Hall stand jahrzehntelang vor dem Abriss, bis eine Bürgerinitiative sie in den 1960er-Jahren rettete – angeführt vom Geiger Isaac Stern, dessen Name der Saal heute trägt.
Image: Mascha Vannier
Image: Mascha Vannier
Bild: Stephan Rabold
Bild: Stephan Rabold
Bild: Stephan Rabold
Bild: Stephan Rabold
Zweiter Stopp
Bogotá, Kolumbien
Teatro Mayor
Julio Mario Santo Domingo
Bild: Juan Diego Castillo
Bild: Juan Diego Castillo
14. und 15. Oktober
Ort: Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
Eröffnung: 2010
Kapazität: ca. 1.300 Plätze
Teatro Mayor
Julio Mario Santo Domingo
Bild: Juan Diego Castillo
Bild: Juan Diego Castillo
14. und 15. Oktober
Ort: Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
Eröffnung: 2010
Kapazität: ca. 1.300 Plätze
Bogotá – Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
Von Manhattan nach Bogotá: 2640 Meter über dem Meer, eingeschmiegt zwischen grünen Andenhängen und mit einem so abwechslungsreichen Wetter, dass Einwohner scherzen, Bogotá hätte vier Jahreszeiten an einem Tag. Erschwerte Bedingungen für Profi-Musiker*innen: Nicht nur, dass man aufgrund der dünnen Luft Gefahr läuft, an Höhenkrankheit zu leiden, auch die Instrumente reagieren in den luftigen Höhen anders. Gerade Blech- und Holzbläser*innen müssen neu justieren. Wie klingt wohl Strauss in dieser Höhe? Die Antwort gibt es erst im Saal.
Für die Berliner Philharmoniker ist dieses Gastspiel eine Premiere: In ihrer gesamten Geschichte haben sie Kolumbien noch nie besucht. Die Hauptstadt Bogotá hat eine reiche Geschichte der klassischen Musik und gehört seit 2012 zum Netzwerk der UNESCO-Musikstädte. Ihr ältestes Opernhaus, das neoklassizistische Teatro Colón – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Konzerthaus in Buenos Aires – im historischen Zentrum, entwarf der Italiener Pietro Cantini; eröffnet wurde es 1892, wenige Monate nach der Carnegie Hall.
Das Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo hingegen – Schauplatz des aktuellen Gastspiels der Berliner Philharmoniker – ist jung: Am 26. Mai 2010 öffnete es seine Türen, ein Entwurf des kolumbianischen Architekten Daniel Bermúdez. Rund 1330 Plätze, eine Akustik, die für Oper, Tanz und großes Orchester gleichermaßen geeignet ist – und ein Haus, das hinter den Kulissen vor allem eins tut: einladen. Das Programm »Cien mil niños al Mayor« hat Schulkinder aus allen 20 Stadtbezirken in diesen Saal geholt. Viele von ihnen saßen hier zum ersten Mal in einem Konzert. Und seit 2013 veranstaltet das Teatro auch ein eigenes Klassikfestival, das »Festival internacional de música clásica de Bogotá« – immer in der Karwoche.
Teatro Mayor, © Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
Teatro Mayor, © Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo, Juan Diego Castillo
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo, Juan Diego Castillo
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo - Daniela Guerrero
© Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo - Daniela Guerrero
Dritter Stopp
São Paulo, Brasilien
Sala São Paulo
Bild: Mariana Garcia
Bild: Mariana Garcia
18. und 19. Oktober
Ort: Sala São Paulo
Eröffnung: 1999 (im ehemaligen Bahnhof Julio Prestes)
Kapazität: ca. 1.500 Plätze
Sala São Paulo
Bild: Mariana Garcia
Bild: Mariana Garcia
18. und 19. Oktober
Ort: Sala São Paulo
Eröffnung: 1999 (im ehemaligen Bahnhof Julio Prestes)
Kapazität: ca. 1.500 Plätze
São Paulo – Sala São Paulo
Weiter Richtung Süden: Im Großraum São Paulo leben über 20 Millionen Menschen, die Hochhäuser reichen bis zum Horizont und dazwischen ein Verkehr, der nie ganz verstummt. In diesem gewaltigen Gewusel hat der berühmteste Konzertsaal der Stadt seinen Platz auf dem Gelände eines ehemaligen Bahnhofs gefunden.
Die Estação Júlio Prestes wurde zwischen 1926 und 1938 für die Sorocabana-Eisenbahn gebaut, finanziert von den Kaffeebaronen, die ihre Ernte zum Hafen von Santos bringen wollten. Ein Prachtbau im Stil »modernisierter Louis XVI«, entworfen von Christiano Stockler das Neves. Sicherlich war es damals keine Absicht, dass die Haupthalle mit dem Wintergarten (in dem heute der Konzertsaal beheimatet ist) in einer fast perfekten Schuhkartonform gebaut wurde – jene Geometrie also, der etwa die Boston Symphony Hall und der Wiener Musikvereinssaal ihren Ruhm verdanken. Als São Paulo in den 1990er-Jahren einen Konzertsaal suchte und gleichzeitig das historische Gebäude wiederbeleben wollte, kam eines zum anderen. Nach 18 Monaten Umbau wurde die Sala São Paulo am 9. Juli 1999 eröffnet.
Für die Akustik verantwortlich war das amerikanische Büro Artec: 1498 Plätze, 22 Logen, keine Teppiche, keine Vorhänge, schwere Wände – und über allem eine bewegliche Decke aus motorisierten Kassetten, die sich je nach Programm heben und senken lassen. Die Nachhallzeit wird hier also eingestellt wie ein Instrument. Nebenan fahren weiterhin Vorortzüge. 2015 zählte der Guardian den Saal zu den zehn besten Konzerthäusern der Welt.
Sala São Paulo
Sala São Paulo
Sala São Paulo
Sala São Paulo
Sala São Paulo
Sala São Paulo
Vierter Stopp
Buenos Aires, Argentinien
Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
21. bis 23. Oktober
Ort: Teatro Colón
Eröffnung: 1908
Kapazität: ca. 2.500 Plätze
Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
21. bis 23. Oktober
Ort: Teatro Colón
Eröffnung: 1908
Kapazität: ca. 2.500 Plätze
Buenos Aires – Teatro Colón
Die letzte Station der Reise führt uns in einen Saal, von dem Musikerinnen und Musiker weltweit schwärmen. Zwanzig Jahre dauerte der Bau des heutigen Teatro Colón, und er überlebte seine Architekten: Francesco Tamburini starb 1891, sein Nachfolger Vittorio Meano wurde 1904 ermordet – vollendet hat das Haus schließlich der Belgier Jules Dormal, der ihm die französische Note seiner Dekoration gab. Am 25. Mai 1908, dem argentinischen Nationalfeiertag, ging der Vorhang auf: Verdis Aida. Rund 2500 Sitzplätze, dazu etwa tausend Stehplätze, sieben Ränge in Gold und rotem Samt.
Ein Blick nach oben lohnt: Die Kuppelmalerei stammt nicht aus der Bauzeit, denn die Originale von Marcel Jambon nahmen nach einem Karnevalsball in den 1930er-Jahren durch Feuchtigkeit Schaden. 1966 malte der Argentinier Raúl Soldi die 318 Quadratmeter neu – mit Tänzerinnen, Sängern, Figuren der Commedia dell'arte. Das Theater schaut sich beim Spielen selbst zu.
Und die Stadt? Buenos Aires verbindet man natürlich zuerst mit dem Tango. Dabei hätte dessen berühmtester Vertreter Astor Piazzolla sein Bandoneon aus Scham fast beiseitegelegt; er wollte ein ernsthafter Komponist sein, kein Tangospieler. Mit Koffern voller Symphonien reiste er nach Paris zu der berühmten Musikpädagogin Nadia Boulanger, die alles durchblätterte, die Machart lobte – und dann befand: Hier klinge es wie Strawinsky, dort wie Bartók, nur Piazzolla finde sie nirgends. Sie fragte ihn aus, »wie ein FBI-Agent« wie er selbst beschrieb. Bis er zugab, welches Instrument er wirklich spielte und ihr dann einen seiner Tangos präsentierte. Boulanger ergriff seine Hände: »Sie Idiot! Das ist Piazzolla.«
Klassische Musik und Tango liegen so fern gar nicht auseinander, wie etwa das Berliner-Philharmoniker-Ensemble Bolero Berlin beweist, in dem Mitglieder des Orchesters südamerikanische Musik interpretieren. Wie es dazu kam und was die südamerikanische und europäische Musik verbindet, lesen Sie im Interview mit Martin Stegner und Raphael Haeger.
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Bild: Teatro Colón
Mehr Hintergründe zur großen Tournee auf die amerikanischen Kontinente finden Sie auf unserem Blog.
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