Zeugin eines Jahrhunderts

Margot Friedländer zu Gast im Philharmonischen Diskurs

(Foto: Ullstein Bild)

Was planen Sie für Ihr 89. Lebensjahr? Vielleicht einen Umzug einmal über den Atlantik, von einem Kontinent zum nächsten? Würden Sie Ihre Wohnung allein mit einem Umzugsunternehmen leerräumen, weil ein Freund auf dem anderen Teil der Erde, der Ihnen eigentlich beim Umzug helfen wollte, kurzfristig absagen musste?

Eine erfundene Geschichte? Mitnichten, sie ist so passiert im Sommer 2010, als die damals 88-jährige US-Amerikanerin Margot Friedländer ihre Kisten in ihrer New Yorker Wohnung packte, in die sie 1946 mit ihrem Mann Adolf eingezogen war. Die neue Bleibe in Berlin hatte sie im Internet gefunden, der erwähnte Freund, der gleichzeitig auch der Verfasser dieser Zeilen ist, hatte sich die Wohnung lediglich einmal vorher auf telefonische Aufforderung hin kurz angeschaut und für gut befunden. Margot Friedländer kehrte in eine Stadt zurück, in der sie unfassbares Leid erfahren hatte. Die Stadt, von der aus ihre Eltern und ihr Bruder nach Auschwitz deportiert und ermordet worden waren. Die Stadt, in der sie plötzlich mit 21 Jahren morgens nicht mehr wusste, wo sie abends schlafen sollte.

Die Stadt, in der ihre christliche Tante Anna ihr empfohlen hatte, doch Mutter und Bruder zu folgen, in der sie aber auch anderthalb Jahre lang Hilfe von Mitbürgerinnen und Mitbürgern erfuhr, die sie vorher gar nicht kannte und die ihr halfen, sich vor den Nazis zu verstecken, bis sie dann doch 1944 von einem jüdischen Spitzel auf dem Kurfürstendamm verraten und nach Theresienstadt verschleppt wurde. Ihr Mann Adolf, den sie noch in Theresienstadt geheiratet hatte, wollte nie wieder Berliner Boden betreten. Als er 1997 in New York starb, nahm seine Witwe ihr Leben noch einmal selbst in die Hand, um gänzlich neu anzufangen – in einem Alter, in dem andere allenfalls in ein Altersheim ziehen.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Margot Friedländer hatte ihre Geburtsstadt erstmals seit Kriegsende im Jahr 2003 auf Einladung des Senats besucht. Ich durfte sie und eine Gruppe ehemaliger Berlinerinnen und Berliner in meiner damaligen Funktion als Chef der Senatskanzlei im Rathaus begrüßen. Der Film Don’t call it Heimweh hält jenen ersten Besuch Margot Friedländers in anrührenden, bewegenden Bildern fest, die sich mit Szenen aus ihrem Leben in New York abwechseln. Das Heimweh ist in der Dokumentation allenthalben präsent. Gedreht wurde der Film von dem Regisseur Thomas Halaczinsky, den Friedländer in New York kennengelernt hatte. Der Titel steht wohl für das Empfinden so vieler deutschstämmiger Jüdinnen und Juden, die grausam aus ihrem Vaterland vertrieben wurden und trotzdem ihre deutschen Wurzeln zeitlebens nie vergessen konnten. So pathetisch würde es Margot Friedländer natürlich nie ausdrücken, sie ist auch im hohen Alter noch voller Neugierde auf Menschen, vor allen Dingen auf junge Menschen, voller Begeisterungsfähigkeit und Lebensfreude.

Nach ihrem ersten Besuch brachten sie mehrere Reisen zurück nach Berlin, neugierig hatte sie ein neues Deutschland kennengelernt. Dort angekommen, erzählt sie ihre Geschichte seither jedem, der sie hören will. Sie liest aus ihrer Autobiografie Versuche, dein Leben zu machen, sie spricht vor Jugendlichen in Schulen, vor Journalistinnen und Journalisten, vor muslimischen Frauen in Kreuzberg und vielen anderen mehr. Dankbar hören die Menschen sich ihre Geschichte an und sie reicht ihnen ihre Hand zur Versöhnung. Von keiner Party und von keinem Empfang, die sie mit erstaunlicher Vitalität besucht, kehrt sie ohne einen kleinen Stapel Visitenkarten zurück. In ihrer unendlichen Neugierde auf Menschen baut sie neue Kontakte auf und pflegt diese. Sie ist ein wahres Kommunikationsgenie. Die Menschen sind bis heute von ihren großen Augen, ihrer eleganten Erscheinung und ihrer Geschichte fasziniert. Margot Friedländer, seit 2018 Ehrenbürgerin Berlins, wurde für ihr gesellschaftliches und politisches Engagement vielfach geehrt. Seit elf Jahren lebt sie nun wieder in ihrer Geburtsstadt Berlin. Dort feiert Margot Friedländer am 5. November 2021 ihren 100. Geburtstag.

André Schmitz