»Ein liebevoller Blick auf das Leben eines jungen Menschen«

Yefim Bronfman über Brahms’ Erstes Klavierkonzert

(Foto: Dario Acosta)

Der Pianist Yefim Bronfman, ein langjähriger künstlerischer Freund der Berliner Philharmoniker, besticht mit seinem kraftvollen, zupackenden Spiel und seiner brillanten Technik. Am 24. April um 19 Uhr interpretiert er in der Digital Concert Hall unter der Leitung von Daniel Barenboim im Rahmen eines Brahms-Programms das Erste Klavierkonzert des Komponisten. Was ihn an diesem Werk fasziniert und wie sich seine Sichtweise darauf im Laufe der Jahre geändert hat, verrät uns der Künstler in diesem Interview.

Brahms Erstes Klavierkonzert gehört zu den Paradestücken und zum Kernrepertoire eines jeden Pianisten. Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit dem Stück beschäftigt und was war Ihr erster Eindruck?
Ich war 15 Jahre alt, als ich begann, mir das Werk zu erarbeiten. Damals sah ich darin überhaupt keine Schwierigkeiten oder Herausforderungen. Doch je älter ich wurde desto mehr erkannte ich, wie komplex und großartig dieses Konzert ist und es erscheint mir immer schwieriger.

Welchen Satz oder welche Passage des Stücks lieben Sie am meisten?
Jeder der drei Sätze ist eine Welt für sich: Der erste gibt sich sehr ungestüm und dramatisch; der letzte besitzt Anklänge an ungarische Musik und versteht sich als eine Art Entspannung vom ersten. Das Herzstück des Konzerts bildet der Mittelsatz – in seiner religiösen Haltung erinnert er an Beethovens Missa solemnis.

Live-Übertragung in der Digital Concert Hall

Erleben Sie das Konzert mit Daniel Barenboim, Yefim Bronfman und den Berliner Philharmonikern live am 24. April 2021 um 19 Uhr in der Digital Concert Hall.

Zur Konzertübertragung

Wie hat sich Ihre Sichtweise auf das Werk in all den Jahren verändert?
Meine Sichtweise hat sich oft geändert, ändert sich ständig und wird sich hoffentlich weiterhin ändern! Ich beginne zu begreifen, wie brillant Brahms bereits in jungen Jahren war – nicht nur intellektuell, sondern auch mit einem großartigen Gespür für Emotionen. Er besaß damals schon die geniale Fähigkeit, eines der größten Konzerte zu komponieren, die jemals für Klavier geschrieben wurden.

Das Konzert ist von Brahms sehr symphonisch konzipiert. Was ist Ihnen im Zusammenspiel mit dem Orchester wichtig?
Genau, es ist ein sehr symphonisches Werk. Brahms begann zunächst eine Sonate für zwei Klaviere zu schreiben. Im selben Jahr hörte er Beethovens Neunte Symphonie. Sie beeindruckte ihn so sehr, dass er beschloss aus der Sonate eine symphonische Komposition zu machen – in derselben Tonart wie die Neunte. Es handelt sich bei diesem Konzert zwar um ein symphonisches Stück mit Klavier, doch das heißt nicht, dass dem Klavier keine Bedeutung zukommt. Die Funktion des Orchesters kann allerdings nicht als Begleitung bezeichnet werden. Es findet vielmehr ein gegenseitiger, dynamischer Austausch zwischen Orchester und Solist statt.

Gibt es ein Bild oder eine Idee, die Sie mit diesem Konzert verbinden? Und wenn ja, welches?
In mir entstehen Bilder von Natur und Landschaften. Gleichzeitig ist dieses Stück ein sehr idealistischer und liebevoller Blick auf das Leben eines jungen Menschen.

Wenn Sie das Konzert mit den Philharmonikern aufführen, worauf freuen Sie sich am meisten?
Darauf, mich dem Klang und der Phrasierung dieses großartigen Orchesters anzupassen.


Berliner Philharmoniker
Daniel Barenboim
Yefim Bronfman

Johannes Brahms
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15

Yefim Bronfman Klavier

Johannes Brahms
Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68

Mehr zum Programm

Wussten Sie schon?

Brahms Erstes Klavierkonzert sollte zunächst eine Sonate für zwei Klaviere werden. Er war jedoch nicht zufrieden, arbeitete das Werk vorübergehend in eine Symphonie um, bis ihm der entscheidende Geistesblitz schließlich im Schlaf kam – wie er Clara Schumann in einem Brief freudig berichtete:

»Denken Sie, was ich die Nacht träumte. Ich hätte meine verunglückte Symphonie zu meinem Klavierkonzert benutzt und spielte dieses. Vom ersten Satz und Scherzo und einem Finale furchtbar schwer und groß. Ich war ganz begeistert.«


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