Philharmonischer Lebensbegleiter

Peter Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

Lisa Batiashvili
(Foto: Chris Singer)

Am 11. März interpretiert die Geigerin Lisa Batiashvili im Live-Stream der Digital Concert Hall mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Semyon Bychkov Peter Tschaikowskys Violinkonzert  – und reiht sich damit ein in die Riege der großen Geiger und Geigerinnen, die diese Komposition mit dem Orchester aufgeführt haben. Denn mit Tschaikowskys Werk, das sozusagen zu einem Lebensbegleiter wurde, verbindet die Berliner Philharmoniker eine besondere Geschichte. Ein Rückblick.

Die Koloratursopranistin Elena Varesi bezeichnete den Geiger Josef Kotek – so liest man im Gesellschaftsteil des Berliner Tageblatts vom 27. November 1882 – als ihren »Lebensretter«. Dieser war der gefeierten Diva kurz zuvor galant nach einem Unfall ihrer Kutsche zu Hilfe geeilt und sie hatte Kotek eingeladen, an jenem 27. November in einem Konzert, das sie in Berlin mit dem Philharmonischen Orchester gab, als Solist mitzuwirken. Der junge Russe spielte das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky, das seine Uraufführung ein Jahr zuvor in Wien erlebt hatte, und begeisterte Publikum und Presse mit seiner brillanten Interpretation.

Inbegriff des romantischen Violinkonzerts

Heute gilt Tschaikowskys Werk mit seinem melodisch betörenden ersten Satz, seinem innigen, liedhaften Andante und dem zündenden, tänzerischen Finale als Inbegriff des romantischen Violinkonzerts. Aber damals war es durchaus ein gewisses Wagnis, eine solche Novität zu präsentieren. Was in keiner Gesellschaftskolumne und keiner Konzertbesprechung stand: Josef Kotek, Kompositionsschüler und enger Freund von Tschaikowsky, hatte den Komponisten zu diesem Konzert inspiriert und ihn auch bei der spieltechnischen Gestaltung beraten. Tschaikowsky widmete das Stück allerdings nicht ihm, sondern dem berühmten Violinvirtuosen Leopold Auer, der es jedoch als unspielbar ablehnte.

Im November 1882 war nicht nur Tschaikowskys Konzert eine Neuheit. Auch das »Philharmonische Orchester« gab es erst seit wenigen Monaten; aber es bildete – so die Neue Zeitschrift für Musik – bereits einen »äußerst wichtigen Faktor« im Berliner Musikleben. Es sollte sechs Jahre dauern, ehe die Berliner Philharmoniker in diesen Anfangsjahren Tschaikowskys Violinkonzert mit Carl Halir als Solist ein zweites Mal aufführten, doch in der Folgezeit wurde es ein Herzstück ihres Repertoires. Bis in die 1920er-Jahre ist es nahezu jährlich in einem der philharmonischen Programme zu finden – wohl auch deswegen, weil es ein dankbares Stück für die zahlreichen Violinsolisten war, die mit dem Orchester auftraten.

Von Josef Kotek bis Anne-Sophie Mutter

Zu den Interpreten gehörten herausragende Geiger und Geigerinnen: so auch jener Leopold Auer, der das Werk zunächst abgelehnt hatte, es aber 1895 bei einem Gedenkkonzert für den verstorbenen Tschaikowsky als »glänzende künstlerische Leistung« mit den Philharmonikern aufführte, des Weiteren Bronisław Huberman, der spätere Gründer des heutigen Israel Philharmonic Orchestra, und Jascha Heifetz, der mit dem Konzert 1912 als Zwölfjähriger für den erkrankten Cellisten Pablo Casals einsprang. Die erste Geigerin, die das Konzert bei den Philharmonikern spielte, war 1901 Irma Saenger-Sèthe, eine Schülerin von Eugène Ysaÿe. Auch philharmonische Konzertmeister glänzten mit ihm: Siegfried Borries, Gerhard Taschner, Michel Schwalbé und Leon Spierer. Tibor Varga, Igor Oistrach, Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman, Gidon Kremer, Shlomo Mintz, Maxim Vengerov, Midori, Viktoria Mullova, Frank Peter Zimmermann, Anne-Sophie Mutter und Janine Jansen – sie alle gastierten mit Tschaikowskys Violinkonzert bei den Berliner Philharmonikern.

Übrigens: Auch der Schöpfer des Konzerts stand am Pult des Orchesters. Tschaikowsky dirigierte die Berliner Philharmoniker 1888 und 1889 in einem Programm mit eigenen Werken. Das Violinkonzert war nicht darunter. Sein Freund Josef Kotek konnte diese Aufführungen nicht mehr erleben. Er war 1885, drei Jahre nach seinem Auftritt in dem Varesi-Konzert, im Alter von nur 29 Jahren an Tuberkulose gestorben.