»Komponieren ist mein Leben«

Im Interview: die Komponistin Anna Thorvaldsdóttir

Ihre Musik klingt wie aus einer anderen Welt: atmosphärisch, mysteriös, intensiv. Die Isländerin Anna Thorvaldsdóttir gilt wegen ihrer unverwechselbaren Klangsprache als eine der interessantesten Komponistinnen unserer Zeit. Nach der europäischen Erstaufführung ihres Orchesterwerks Metacosmos durch die Berliner Philharmoniker 2019 folgt nun die Weltpremiere von Catamorphosis, die unter der Leitung von Kirill Petrenko am 29. Januar als Live-Steam in der Digital Concert Hall übertragen wird. In unserem Interview verrät Anna Thorvaldsdóttir, warum sie Komponistin geworden ist, welche Rolle die Natur für sie spielt und welche Botschaft ihr neues Stück transportiert.

Was hat Sie dazu bewogen, Komponistin zu werden?
Als Kind kamen mir oft Lieder und Musik in den Sinn. Ich habe gar nicht viel darüber nachgedacht, es war einfach ein ganz natürlicher Teil von mir. Mit 19 Jahren fing ich an, die Musik aufzuschreiben, die ich in mir hörte. Gleichzeitig lernte ich auch immer mehr zeitgenössische Musik sowie neue Texturen und Klänge kennen. Das faszinierte mich. Ich glaube, ich habe mich nicht wirklich dazu entschieden, Komponistin zu werden. Komponieren gehört einfach zu meinem Leben.

Warum ist die Natur so eine wichtige Inspirationsquelle für Ihre Musik?
Ich bin in Island sehr naturnah aufgewachsen und das hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass mich die Natur in meinem kreativen Prozess nährt und fördert. Es gibt so viele interessante Elemente, die mich inspirieren: Proportionen und Flüsse, Texturen und Strukturen. Mir geht es in meiner Musik nicht um eine romantische Darstellung der Natur. Die Natur kann kraftvoll und dramatisch sein, aber auch subtil und nuancenreich. Es gibt so viele Zwischentöne. Diese finde ich sehr anregend.

Wie kam Ihnen die Idee zu Catamorphosis?
Am Anfang beeindruckte mich vor allem die kraftvolle Energie und Virtuosität der Berliner Philharmoniker. Im Verlauf der Arbeit wurde mir unsere fragile Beziehung zur Erde immer wichtiger. Vor allem die Erkenntnis, dass es zu spät sein wird, wenn sich die Dinge nicht ändern. Der Kern der Musik kreist um ein ausgeprägtes Gefühl der Dringlichkeit, einen Strudel von Emotionen, der durch das Hin- und Herzerren zwischen entgegengesetzten Kräften angetrieben wird. Es ist ein sehr persönliches Stück und eine sehr persönliche Reflexion, ziemlich dramatisch, aber auch voller Hoffnung.

Ihre Musik klingt sehr atmosphärisch und meditativ, aber gleichzeitig sehr kraftvoll. Wie vereinen Sie diese Gegensätze?
Ich arbeite viel mit elementaren harmonischen Strukturen, die ich mit ätherischen Klängen unbestimmter Tonhöhe verbinde. Ich verbringe viel Zeit damit, eine Struktur zu finden, bei der sich ein Gefühl des Fließens von der einen zur anderen Stimmung einstellt. Die Orchestrierung spielt natürlich eine große Rolle, um das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Elementen herzustellen. Sobald ich eine klare Vorstellung von dem Werk habe, gilt es, sämtliche Perspektiven zu berücksichtigen – vom kleinsten Detail bis zur Gesamtstruktur. Das Stück soll vom Anfang bis Ende fließen.

Welche Gefühle möchten Sie mit Ihrer Musik erzeugen?
Es ist gar nicht möglich zu entscheiden, welche Gefühle andere beim Hören meiner Musik haben sollen. Ich glaube jedoch, dass sich einige der Emotionen, die ich beim Komponieren empfunden habe, auf die eine oder andere Weise in der Musik widerspiegeln. Catamorphosis ist ein ziemlich emotionales Stück, dessen Kernaussage sich durch die Balance zwischen verschiedenen polaren Kräften ergibt: Macht und Zerbrechlichkeit, Hoffnung und Verzweiflung, Bewahrung und Zerstörung. Letztendlich geht es in diesem Stück um die Beziehung zwischen Dringlichkeit und Hoffnung.