»Mit diesem Stück wollte sich Hindemith selbst Mut machen«

Die Bratschistin Tabea Zimmermann im Gespräch

(Foto: Marco Borggreve)

Die Bratsche ist – anders als Geige, Klavier oder Cello – kein Solisteninstrument. Doch Tabea Zimmermann, Trägerin des Ernst von Siemens Musikpreises 2020, hat mit ihr Weltkarriere gemacht. Als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker präsentiert sie in dieser Saison einige ihrer Lieblingswerke. Zu ihnen gehört auch Paul Hindemiths Bratschenkonzert Der Schwanendreher, das sie unter der Leitung von François-Xavier Roth interpretiert. In diesem Interview stellt sie uns das Werk vor und spricht darüber, was sie an ihrem Instrument und an der Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern begeistert.

Warum ist ausgerechnet die Bratsche Ihr Instrument geworden?
Ich bin sozusagen durch die Geschwisterfolge zur Bratsche gekommen, weil meine älteren Geschwister bereits Geige und Cello spielten. Ich habe mich sehr früh mit der Stimmlage und den vielseitigen Aufgaben der Bratsche identifiziert. Die klanglichen Möglichkeiten und die vielen Rollen, in die ich schlüpfen kann, bereichern mein Leben täglich.

Die Bratsche ist das Instrument der Mitte. Sie schafft im Ensemble die Verbindung zwischen den hohen und den tiefen Streichern. Auf welche Weise beeinflusst diese Mittlerposition auch bei solistischen Auftritten Ihre musikalische Haltung?
Ich betrachte es als größtes Geschenk, dass ich meine Liebe zur Musik mit und über die Kammermusik entdecken durfte. Gemeinsam mit meiner Bratsche habe ich gelernt, jeden Ton in Beziehung zu anderen Tönen und Menschen zu setzen.

Mit den Berliner Philharmonikern arbeiten Sie seit 1992 zusammen. In dieser Saison sind Sie Artist in Residence des Orchesters. Was bedeutet Ihnen diese Residency?
Ein Traum, der wahr wird! Ich verehre das Orchester und freue mich wahnsinnig auf die verschiedenen Möglichkeiten des gemeinsamen Musizierens. Vor allem freue ich mich, die Menschen, die diesen Klangkörper ausmachen, etwas näher kennenzulernen und mich mit ihnen über Musik auszutauschen.

Bei Ihrer Residency steht das Werk von Paul Hindemith im Mittelpunkt, der selbst Bratscher war. Welches Bild haben Sie vom Bratscher Paul Hindemith, seiner Musizierweise und seiner Klangvorstellung?
Hindemith war ein vielseitig begabter Allrounder, dem ich wahnsinnig gerne begegnet wäre. Ich stelle ihn mir als uneitel, humorvoll, kritisch denkend, aufs Wesentliche fokussierend, genussfreudig, unterhaltsam, tiefsinnig und urmusikantisch vor. Dabei sehe ich eher den Musiker, Komponisten und Dirigenten Hindemith als den Bratscher vor mir.

Mit dem Schwanendreher-Konzert hat Hindemith ein Referenzwerk für Bratscher geschrieben. Was lieben Sie an diesem Werk und worin liegt die Herausforderung des Stücks?
Zunächst ist da die außergewöhnliche Instrumentierung: Es ist ja eigentlich ein Blasorchester mit einigen wenigen Streichern und Harfe. Durch diese Besetzung ergeben sich sehr interessante Klangmischungen. Die Bratsche beginnt mit einem solistischen Einfall und lädt die Anderen gewissermaßen zum Mitspielen ein. Ich liebe die rhythmische Sprache von Hindemith und die subtil eingeflochtenen Bezüge zur Alten Musik. Die dem Werk zugrunde liegenden altdeutschen Lieder teilen uns versteckt mit, wie schwer ihm der unfreiwillige Abschied aus Deutschland gefallen sein muss. Die Musik wirkt oft fröhlich und spielfreudig, als ob er sich mit diesem Stück selbst Mut machen wollte. Die Herausforderung liegt in der Feinabstimmung der vielen solistisch besetzten Einzelstimmen und des ständigen Dialogs mit der Bratsche. Für die Bratsche selbst ist es ein hochvirtuoses und sehr dankbares Solokonzert.

Wenn jemand den Schwanendreher noch nicht kennt. Worauf soll er beim Hören achten?
Lassen Sie sich auf eine große Erzählung ein! Lauschen Sie den Themen und ihren Verwandlungen. Freuen Sie sich mit uns über den Groove in den schnellen Teilen, über ein wunderschönes Duett zwischen Viola und Harfe zu Beginn des Zweiten Satzes und auf ausgelassene Variationen im Finale.

Konzerte

Mittwoch,

16. Dez 2020,
20.00 Uhr

Kammermusiksaal

Kammermusik | Aboserie: W - Artist in Residence

Mi, 16. Dez 2020, 20.00 Uhr
Kammermusiksaal

Tabea Zimmermann Viola

Kirill Gerstein Klavier

Werke von Paul Hindemith, Rebecca Clarke und Dmitri Schostakowitsch

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