König Oedipus

Die Antike der Goldenen Zwanziger

Igor Strawinsky (links) mit dem Bühnenbildner Ewald Dülberg und dem Dirigenten Otto Klemperer (rechts) während der Proben zu »Oedipus rex« an der Berliner Krolloper, 1926
(Foto: Bilderdienst Scherl)

Eine Geschichte aus dem antiken Griechenland, von Igor Strawinsky 1927 im Stil des Neoklassizismus vertont - auch dies ist eine Facette der Zwanzigerjahre.

Im Herbst 1925 hatte Igor Strawinsky an einem Buchstand in Genua die Lebensbeschreibung des heiligen Franz von Assisi entdeckt. Noch in derselben Nacht begann er mit der Lektüre und war erstaunt, eine längst erwogene, doch vage Idee geklärt und bestätigt zu finden: »Man weiß, dass Italienisch die Muttersprache des Heiligen war, aber bei feierlichen Gelegenheiten, beim Gebet etwa, bediente er sich des Französischen (des Provençalischen? – seine Mutter stammte aus der Provence). Ich war von jeher der Meinung gewesen, dass zu allem, was ans Erhabene rührt, eine besondere Sprache gehört, die nichts mit dem Alltag gemein hat.« Das »Sprachenproblem« belastete den russischen Emigranten eingestandenermaßen, seit er »wurzellos geworden war«. Es hemmte und bedrängte ihn, wenn er über neue Vokalwerke nachdachte: »Russisch, die verbannte Sprache meines Herzens, war musikalisch unbrauchbar geworden; Französisch, Deutsch und Italienisch waren meinem Temperament fremd.« Der damals noch unausgereifte Plan eines Opern-Oratoriums nach dem König Oedipus des Sophokles erfüllte sich mit Leben und Inspiration, als Strawinsky – durch die »Erleuchtung in Genua« – die einzig wahre und erhabene Sprache entdeckte, die seiner monumentalen Komposition angemessen wäre: Latein. »Welche Freude bereitet es«, bekennt Strawinsky in seinen Memoiren, »Musik zu einer Sprache zu schreiben, die seit Jahrhunderten unverändert besteht, die fast rituell wirkt und dadurch allein schon einen tiefen Eindruck hervorruft. Man fühlt sich nicht an Redewendungen gebunden oder an das Wort in seinem buchstäblichen Sinne. Die strenge Form dieser Sprache hat schon an sich so viel Ausdruckswert, dass es nicht nötig ist, ihn durch die Musik noch zu verstärken. So wird der Text für den Komponisten zu einem rein phonetischen Material. Er kann ihn nach Belieben zerstückeln und sich nur mit den einfachsten Elementen beschäftigen, aus denen er besteht: den Silben. Und haben nicht auch die alten Meister des strengen Stils den Text auf diese Weise behandelt? So hat sich auch die Kirche seit Jahrhunderten der Musik gegenüber verhalten und sie dadurch davor bewahrt, sentimental zu werden und dem Individualismus zu verfallen.«

Die Tragödie des Oedipus

Der Oedipus rex, mit dessen Komposition er im Januar 1926 begann, sollte darum auch bloß keine »opernhafte Oper« werden, wie Strawinsky betonte, »denn niemand agiert, und das einzige Individuum, das sich überhaupt bewegt, ist der Erzähler, und das nur, um seine Andersartigkeit gegenüber den übrigen Bühnenfiguren zu zeigen«. Als Stoff wählte Strawinsky die antike Tragödie um den thebanischen König Oedipus, der einem fatalen Orakelspruch entrinnen will – den Vater zu erschlagen und die eigene Mutter zu heiraten – und gerade deshalb seinem Verhängnis nicht entkommen kann: Er findet, was er flieht, er verbricht, was er vermeiden will, und stürzt sich blindlings in sein Unglück. Auf diese universale und altbekannte Fabel fiel Strawinskys Wahl nicht zuletzt aus dem einen Grund, die Handlung ohne lange Umschweife eröffnen und sich ohne lästige dramaturgische Verpflichtungen auf das Wesentliche konzentrieren zu können: die Musik. »Ich wünschte mir, das Stück als Stück hinter mir zu lassen«, bekannte Strawinsky. »Meine Absicht war es, die dramatische Essenz zu destillieren und mir die Freiheit zu nehmen für eine rein musikalische Dramatisierung.«

Für den gleichwohl unerlässlichen Gesangstext des Männerchors und der Solisten gewann er den französischen Schriftsteller Jean Cocteau, ein literarisch-künstlerisches Multitalent, dessen Libretto, eine komprimierte Fassung der Sophokles-Tragödie, von dem Jesuitenpater und späteren Kardinal Jean Daniélou ins Lateinische übertragen wurde – mit Ausnahme der Partie des Erzählers, der das Publikum in der Landessprache der jeweiligen Aufführung über das ritualisierte Geschehen auf der Bühne orientieren soll, etwa gleich am Anfang mit den Worten: »Verehrtes Publikum! Sie werden heute Abend eine lateinische Fassung des Oedipus rex hören. Damit Sie weder Gehör noch Gedächtnis sonderlich strapazieren müssen, und weil das Opern-Oratorium nur die monumentalen Grundzüge der Szenen wiedergibt, werde ich Ihnen das Drama des Sophokles Schritt für Schritt in Erinnerung rufen.«

Ein »Opéra-Oratorio«

Strawinsky wollte keine konventionelle Oper schreiben, aber doch ein Bühnenwerk – wenngleich tunlichst frei von jener »triumphierenden Banalität«, die ihm an den Opern seines Kollegen Richard Strauss so sehr missfiel. Am Ende nannte er seinen Oedipus ein »Opéra-Oratorio«. Das Opern-Oratorium ging aber zunächst nicht in Szene, sondern wurde am 30. Mai 1927 in Paris konzertant uraufgeführt. Erst im Jahr darauf folgten Einstudierungen am Theater, in Wien und an der Berliner Krolloper, mit Otto Klemperer, der den Oedipus rex dirigierte und in Personalunion auch inszeniert hatte. Und zwar strikt im Sinne des Erfinders: »Chor und Einzeldarsteller sollen nichts anderes sein als lebendig gewordene antike Statuen. Die Träger der Handlung sowie der Chor bleiben während des ganzen szenischen Ablaufes auf der Bühne in gleicher Haltung. Nur Kopf und Arme werden bewegt«, sagte Klemperer der Berliner Schallkiste, einer »Illustrierten Zeitschrift für Hausmusik«. »Einzige dramatische Bewegung ist Auftreten und Abtreten der Boten und sonstigen Personen. Rein aus der Musik soll die innere Bewegung sich ergeben.«

Wolfgang Stähr