Tscheche auf Umwegen

Der Komponist Bedřich Smetana

Bedřich Smetana, koloriertes Foto, ca. 1880
(Foto: akg-images,)

Bedřich Smetana gilt als der tschechische Nationalkomponist schlechthin. Kein anderer – so scheint es aus heutiger Sicht – konnte damals die Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume des tschechischen Volks mit seinem gerade erwachenden Nationalbewusstsein musikalisch besser zum Ausdruck bringen als er – sei es in der mitreißenden, volkstümlich anmutenden Oper Die Verkaufte Braut, sei es in der poetisch-stimmungsvollen Tondichtung Die Moldau, die Teil des symphonischen Zyklus Má Vlast (Mein Vaterland) ist und wohl das bekannteste und meistgespielte Werk Smetanas ist. »Ich bin mit Leib und Seele Tscheche«, bekannte der Komponist »und stolz darauf, mich einen Sohn unserer ruhmreichen Nation nennen zu dürfen.«


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Ein Fan von Wagner und Liszt

Der Weg dahin war jedoch nicht selbstverständlich. Denn Smetana wurde in eine Welt hineingeboren, deren Gesellschaft von den Werten der Habsburger Monarchie geprägt war. Sein Geburtsort Leitomysl gehörte zum Königreich Böhmen und das wiederum war Teil des österreichischen Kaiserreichs. Man sprach Deutsch – zu Hause, in der Schule, in der Öffentlichkeit. Der Vater gab seinen Sohn den deutschen Namen Friedrich. Die musikalischen Vorbilder des jungen Smetana, dessen außerordentliche Begabung sich schon früh zeigte, waren Beethoven, Schumann, Berlioz, Chopin, Wagner und vor allem Franz Liszt, der später sein Mentor und Freund wurde. Nichts deutete anfangs auf den glühenden Patrioten hin, der er einmal werden sollte. Erst als Erwachsener entwickelte er unter dem Eindruck der 1848er-Revolution, die er in Prag miterlebte, sein Nationalbewusstsein, fing an, die tschechische Sprache zu erlernen und passte seinen Vornamen der tschechischen Schreibweise an.

Erwachendes Nationalbewusstsein

Als Komponist versuchte er, auf zwei Ebenen diesem Nationalgefühl Gestalt zu geben: Zum einen ließ er sich von den Rhythmen und Melodien der tschechischen Volksmusik inspirieren, ohne diese jedoch zu kopieren. »Durch Nachahmung des melodischen Falles und Rhythmus unserer Volklieder, schafft man keinen nationalen Stil«, lautete seine Devise. »Höchstens eine schwache Nachahmung eben dieser Lieder, von der dramatischen Wahrheit ganz zu schweigen.« Tonfall und Duktus lauscht er den Volksliedern ab und verschmilzt sie mit seinem Personalstil zu jener beschwingten, tänzerischen und poetischen Musiksprache, für die er berühmt wurde. Zum anderen widmet er sich in seinen Opern und symphonischen Werken Themen, aus der tschechischen Geschichte und Sagenwelt. Bestes Beispiel ist der Zyklus Má Vlast (Mein Vaterland), in dem er in sechs symphonischen Gedichten zusammenfasst, was das tschechische Lebensgefühl damals ausmachte: Natur, Geschichte, Mythologie, Glauben. Die Schönheit der böhmischen Landschaft schildert er in Die Moldau und Aus Böhmens Hain und Flur, den Ereignissen und Symbolen der tschechischen Geschichte setzt er in Vyšehrad und Tábor ein Denkmal, mit Šárka beschwört er die volkstümliche Sagenwelt und am Schluss huldigt in Blaník St. Wenzel, den Schutzheiligen der Tschechen. Smetanas Vision, seiner tschechischen Heimat eine musikalische Sprache zu geben – in Mein Vaterland hat sie sich erfüllt.

Prag im Juni 1848 wärend des Pfingstaufstands
(Foto: Historisches Museum Wien)
Die Moldau bei Prag. Smetana ließ sich zur Komposition seines gleichnamigen Werks angeblich durch diesen Ausblick inspirieren.
(Foto: Andrew Mayovsky / Alamy Stock Foto)