Zum Ende eines Jahres

Spanische Musik im Silvesterkonzert

Junge Flamencotänzerinnen in Sevilla
(Foto: iStock)

Spanien: das große Land zwischen zwei Meeren, Europas Tor zu Afrika und in die Neue Welt, einst Mittelpunkt eines Reiches, in dem die Sonne nicht unterging – Spanien lockt mit Klippen und Stränden, mit Paella und Tapas und mit einem Lebensrhythmus, der sich dank Siesta so attraktiv vom mitteleuropäischen »Nine to five« abhebt, wo die Nacht zum Tag gehört und man im Stierkampf selbst dem Tod eine Feier bietet. Das Land ist, kein Wunder, seit Jahren das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen. Und wohl jedem, der an Spanien denkt, kommen unwillkürlich Klänge in den Sinn: Gitarren und Kastagnetten, sehnsuchtsvoller Gesang und – kaum davon zu trennen – ausdrucksstarker Tanz. Auch die klassische Musik strotzt vor spanischen Sounds: die andalusische Zigeunerin Carmen in Bizets gleichnamiger Oper, der gewitzte Barbier von Rossini, Mozarts heißblütiger Don Juan, Ravels Bolero-Rhythmus, Chabriers hinreißendes Länderporträt España, die schillernden Farben von Debussys Ibéria. Die Komponisten allerdings: allesamt keine Spanier. Das kommt einem spanisch vor – in doppeltem Sinne, denn weniger »echt« sind die Werke deshalb ja nicht.

Musikalischer Schmelztiegel

Die Musik in Spanien hat über hunderte, ja tausende von Jahren wie ein Schmelztiegel Einflüsse in sich aufgenommen und miteinander amalgamiert. Die christliche Kirche übernahm den byzantinischen Gesang, die Mauren fügten ihre islamische Kultur hinzu: Die arabische Ud wurde zur Laute (span. »laúd«), dem Vorläufer von Vihuela und Gitarre, und »Olé«, jener Ausruf, der Land und Leute mit drei Buchstaben so griffig charakterisiert, kommt – so wird vermutet – von »Allah«. Jüdische Gemeinschaften brachten ihre Traditionen mit, die »gitanos« (Zigeuner) wanderten ein und ließen sich nieder. Italienische Meister prägten die spanische Hofmusik und später das musikalische Theater, aus dem sich die Zarzuela entwickelte. Spanische Virtuosen wie Pablo de Sarasate und Isaac Albéniz wirkten über die Landesgrenzen hinaus, während die lateinamerikanische Musik zurückzuwirken begann – was die Iberer über den Atlantik nach Westen gebracht hatten, vermischte sich dort mit Gesängen der Urbevölkerung und mit Liedern der aus Afrika stammenden Sklaven und kehrte, verwandelt und angereichert, heim nach Europa: zum Beispiel Carmens Habanera.

Die Suche nach einer eigenen nationalen Musiksprache verdichtete sich mit Ende des 19. Jahrhunderts, als man ihr Fundament in der unerschöpflichen Volksmusik fand. Wie sich in Ungarn Béla Bartók um ihre Sammlung und Erforschung kümmerte, war es in Spanien Felipe Pedrell, den man den Vater der spanischen Musik nennen kann; Isaac Albéniz, Enrique Granados, Manuel de Falla haben bei ihm gelernt. Letzterer zumal hat der Folklore ihre touristische Schminke entfernt (die man schon damals zu beklagen hatte), ihre Wurzeln freigelegt, den Cante jondo in seiner Urform verehrt und in die eigene Musik eingewebt. Das alles im hellen Licht des französischen Impressionismus, denn künstlerisch gereift ist de Falla wie viele seiner Zeitgenossen, die dezidiert eine spanische Musik schreiben wollten, in Paris. Dort sind sie sich in den Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende vielfach begegnet, von Albéniz und Granados über den Pianisten Ricardo Viñes, der Falla mit Ravel und Debussy bekanntmachte, bis zu Joaquín Rodrigo. Auch argentinische und brasilianische Komponisten wie Camargo Guarnieri und Heitor Villa-Lobos weilten hier, ebenso wie Nikolaj Rimsky-Korsakows Schüler Igor Strawinsky. Hier, in der europäischen Musikmetropole der Zeit, wurde durch internationalen Austausch die spanische Kunstmusik gefunden.

Prinzip Hoffnung

Das philharmonische Silvesterkonzert mit Kirill Petrenko markiert das Ende eines Jahres, das vom ersten Monat an einen anderen Verlauf nahm als gedacht und erhofft. Es war das Jahr, in dem Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag gefeiert werden sollte, in vielen Konzerten auch der Berliner Philharmoniker, von denen nur ein Bruchteil wie geplant verwirklicht werden konnte. Es fügt sich, dass selbst Beethoven ein spanisches Stück geschrieben hat: Die Handlung seiner einzigen Oper »geht in einem Staatsgefängnisse, einige Meilen von Sevilla vor«. Schon die aus Frankreich stammende Singspielvorlage hatte den Schauplatz ins Nachbarland verlegt, um allzu offensichtliche Parallelen zur eigenen Revolution zu verschleiern. Aber es ging ja um mehr. Fidelio ist kein Stück über andalusische Freiheitskämpfer, sondern über europäische Helden der Menschheit. Sie braucht man heute dringender denn je. Eine der großen pandemiebedingten Absagen für das Orchester waren die Osterfestspiele in Baden-Baden mit einer Neuinszenierung der Oper Fidelio, die in konzertanter Form auch in Berlin gespielt werden sollte.

Mit der Leonoren-Ouvertüre sind nun Beethoven und seine Oper immerhin im Silvesterkonzert vertreten. Fidelio ist die Geschichte von einem Kampf für die Gerechtigkeit und das allgemeine Gute und Richtige, der dem einzelnen schwere Opfer abverlangt. Es erzählt von einer Frau, die selbst in scheinbar aussichtsloser Lage die Hoffnung nicht aufgibt und sich rückhaltlos für ihre Mitmenschen einsetzt (»Wer dies auch sei, ich will ihn retten!«) – und von einem Mann, der in der Isolation alle seine Kraft dafür aufbringt, sich sein Menschsein zu bewahren. Die Ouvertüre beginnt mit dem musikalischen Bild der Einsamkeit von Florestans Kerker und endet in einem Jubel, der das Glück zweier wiedervereinigter Liebender erweitert zu einer Feier des »Prinzips Hoffnung« (Ernst Bloch), das die ganze Menschheit umspannt. Da reißt der Himmel auf für alle Völker und Nationen und eröffnet dem verantwortungsvollen Menschen alle Möglichkeiten dieser Welt. Nach so ernstem Beginn darf man auch feiern – alleine, gemeinsam, für alle, auf ein glückliches neues Jahr: Olé.

Malte Krasting

Don Giovanni; Gemälde von Max Slevogt
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Célestine Galli-Marié als Carmen und Alice Ducasse als Frasquita
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Der spanische Geiger Pablo de Sarasate
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Wilhelmine Schröder-Devrient als Leonore
(Foto: akg-images)