Das Phänomen Rodrigo

Ein märchenhaftes Künstlerleben

Joaquín Rodrigo
(Foto: akg-images / WHA / World History Archive)

Mit seinem Concierto de Aranjuez erlebte Joaquín Rodrigo einen Höhenflug in Etappen. Zwar war das Werk von Anfang an ein Erfolg, zunächst aber nur in den engen Grenzen des klassischen Musikbetriebs. Europa horchte erstmals auf bei einer Aufführung des Konzerts im Théâtre des Champs-Elysées am 7. Mai 1950 mit dem jungen Narciso Yepes. Richtig an Fahrt gewann die Erfolgsgeschichte zehn Jahre später dank Miles Davis und seinem Album Sketches of Spain, dessen erste Hälfte aus einem Arrangement des zweiten Aranjuez-Satzes besteht. Rodrigo war über den – wie er es empfand – popmusikalischen Missbrauch seines Werkes nicht sonderlich glücklich und versuchte die Platte zeitweise sogar zu verbieten; vielleicht hat ihm die Tantiemenabrechnung seinen Sinneswandel erleichtert. Von da an war kein Halten mehr. Der französische Sänger Richard Anthony kürzte das Thema auf Songlänge und schmachtete nach »Aranjuez, mon amour«, kein Jahr darauf importierte Nana Mouskouri den Hit mit ihrem charmanten Akzent ins Deutsche. Die Liste von Coverversionen, ob gesungen oder als Instrumentalstück, ist seither endlos – Jazzgrößen, Crossover-Berühmtheiten, popaffine Klassikstars, alle verneigen sich vor dem zentralspanischen Schlossgarten.

Durchschlagender Erfolg

Joaquín Rodrigo hat praktisch das ganze 20. Jahrhundert erlebt. Im Alter von drei Jahren verlor er zwar sein Augenlicht, aber der Welt zuhören konnte er wie wenige andere. Ungeahnte Klänge lauschte er so der Gitarre ab, die er gar nicht zu spielen vermochte. Und indem er in seiner Musik alte Zeiten auferstehen ließ, erreichte er die Herzen seiner Gegenwartsgenossen. Warum ihm das mit dem Concierto so durchschlagend gelang, blieb ihm allerdings ein Rätsel: »Wenn ich es wüsste, dann hätte ich den Erfolg selbst gefunden, den Stein der Weisen.« Wiederholen ließ sich solch ein Coup ohnehin nicht, und Rodrigo bemühte sich, auch nur den Anschein des Versuchs zu vermeiden, wiewohl er weiter dem Genre des Gitarrenkonzerts treu blieb. Ihn deswegen als One-Hit-Wonder zu verbuchen wäre sicherlich ungerecht. Aber Rodrigo war selbst bewusst, dass Aranjuez alle seine anderen Werke überstrahlte, und er hat mit dieser Tatsache offenbar seinen Frieden gemacht. Für ihn galt nicht die Mahnung des Domingo an den Infanten – »Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende« –, mit der für Schillers Carlos das Drama seinen Lauf nimmt. Mit seinem den Gärten von Aranjuez gewidmeten Gitarrenkonzert begann für Joaquín Rodrigo das Glück weltweiter Anerkennung, die bis ans Ende seines biblisch langen Lebens anhielt. Eine besondere Ehre wurde ihm am 30. Dezember 1991 zuteil, siebeneinhalb Jahre vor seinem Tod, als König Juan Carlos ihn und seine Frau zu Marquis und Marquise der Gärten von Aranjuez ernannte: ein eigens für Joaquín Rodrigo geschaffener Titel und der geradezu märchenhafte Höhepunkt eines Künstlerlebens.

Malte Krasting