Sinn und Sinnlichkeit: Der Dichter Richard Dehmel

Richard Dehmel
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

In der Musikwelt ist Richard Dehmel vor allem als Schöpfer des Gedichts Verklärte Nacht bekannt, der Vorlage zur gleichnamigen Komposition Arnold Schönbergs. Erotik und Pathos seiner Texte inspirierten indessen noch unzählige weitere Komponisten, von Richard Strauss bis Kurt Weill.

Bekannt machte ihn ein Skandal. Von einem Kollegen wegen Blasphemie angezeigt, wurde Richard Dehmel 1897 verurteilt, sein Gedicht Venus consolatrix teilweise schwärzen zu lassen. Darin verschmelzen die Muttergottes und Maria Magdalena zu einer Venus, die im Liebesakt Trost spendet. Für Dehmel war der Prozess ein Segen: Bislang nur in Lyrikkreisen ein Begriff, wurde er schlagartig zum Literatenstar der Stunde und mit dem »Roman in Romanzen« Zwei Menschen sogar zur Berühmtheit.

Erotik, Schwulst und Pathos

»Ich wurzle zwischen Nietzsche und Liliencron (Schiller und Goethe, Wagner und Böcklin)«, beschrieb er sich selbst. Künstler wie Max Klinger, Dichter wie Otto Julius Bierbaum waren seine Freunde, von Frank Wedekind wurde er als »größter deutscher Dichter« tituliert. Mit Wedekind verband ihn ein Lebensthema: die Natur des Menschen nicht als Ideal zu stilisieren, sondern umfassend zu begreifen. Dazu gehörten Geist und Körper, Sinn und Sinnlichkeit, Intellekt und Emotion, die ganze Fülle der humanen Dichotomie. Das war aufrührerisch, bediente aber auch den Zeitgeist.

Sex und Schwulst lagen bei Dehmel gefährlich nahe beieinander. Da gab es viel Pathos in überreifem Jugendstil – Gehalt und Gestalt gerieten ihm bisweilen in ein Missverhältnis. Dessen ungeachtet fühlten sich viele Komponisten von Dehmels Zeilen inspiriert, und so konnte er im Jahr 1913 auf ein halbes Tausend Vertonungen zurückblicken, von Strauss, Pfitzner und Reger, von Zemlinsky, Schönberg und Webern, von Weill und Dessau. Doch der Ruhm währte nur etwa zwei Jahrzehnte, nach seinem Tod 1920 verblasste die Verehrung. Ein Pionier bleibt Dehmel dennoch: Von seinen Anliegen aufgerüttelt, ist die Lyrik wacher geworden. Und auch sein Name lebt weiter – wenn auch vor allem dank einer Musik, in der kein einziges seiner Worte erklingt.

Der Text ist ein Originalbeitrag für das Programmheft zum Saisoneröffnungskonzert am 28. August 2020.

Richard Dehmels Gedicht »Verklärte Nacht« werden auch autobiografische Bezüge nachgesagt. Der Dichter mit seiner Frau Ida im Garten des Nietzsche-Archivs, 1904
(Foto: Wikimedia commons)