»Alles, was man sich von einem romantischen Konzert wünscht«

Unser Erster Konzertmeister Noah Bendix-Balgley im Gespräch

Noah Bendix-Balgley
(Foto: Sebastian Hänel)

Das Violinkonzert Nr. 1 bescherte dem 28-jährigen Max Bruch seinen ersten großen künstlerischen Erfolg. Zum 100. Todestag des Komponisten spielen die Berliner Philharmoniker das Werk unter der Leitung von Marek Janowski, einem herausragenden Spezialisten für das Repertoire der Spätromantik. Solist ist Noah Bendix-Balgley, Erster Konzertmeister des Orchesters. Im Interview erzählt er, warum das Werk bis heute so populär ist, welche Herausforderungen es für einen Geiger bereit hält und was ihn an diesem Konzert immer wieder fasziniert.

Warum ist das erste Violinkonzert von Max Bruch für einen Geiger so ein wichtiges Stück?
Das Violinkonzert ist eines der bedeutenden romantischen Konzerte und seit seiner Uraufführung beim Publikum und bei den Geigern beliebt. Das Stück besitzt alles, was man sich von einem romantischen Konzert wünscht: lyrische Melodien, rezitativische Kadenzen, technische Brillanz für den Solisten, rhythmischen Drive und Dramatik.

Warum lieben Sie das Werk? Und wo liegen die Herausforderungen für einen Geiger, wenn er es spielt?
Ich war 12 Jahre als ich das Werk zum ersten Mal einstudierte. Seither habe ich es mir immer wieder vorgenommen. Mich begeistert die Schönheit und der lyrische Charakter von Bruchs Kompositionsstil. Dieses Werk ist für die Geige gemacht und bringt viele Qualitäten des Instruments zum Strahlen. Das liegt sicher daran, dass Bruch bei der Komposition des Stücks mit dem Geiger Joseph Joachim zusammenarbeitete. Die Herausforderung bei diesem Konzert liegt darin, dass es so populär ist und  bereits von fast allen namhaften Geigern eingespielt wurde. Daher gibt es eine bestimmte Tradition der Interpretation. Jedes Mal, wenn ich das Stück für eine Aufführung vorbereite, versuche ich eine neue Perspektive zu entwickeln. Ich frage mich, warum ich gerade diese Phrasierung oder diesen Fingersatz spiele. Ist es, weil es die Partitur verlangt, oder weil es zu einer Aufführungstradition gehört, die von den Geigern über die Jahre hinweg immer wiederholt wird?

Was zeichnet dieses Konzert musikalisch aus? Welche Figuren, Harmonien und Melodien sind typisch?
Die Form des Konzerts ist ungewöhnlich. Bei einem romantischen Konzert war es üblich, dass der erste Satz der längste und gehaltvollste ist. Bruch hingegen nennt seinen ersten Satz »Vorspiel«. Es gibt vier eigenständige rezitativische Einwürfe der Solovioline, zwei am Anfang und zwei am Schluss des ersten Satzes, der dann attacca in den langsamen zweiten übergeht. Dieser ist der längste Satz des Konzerts. Wegen seiner besonderen Form wollte Bruch das Werk »Fantasia« nennen, aber Joseph Joachim überzeugte ihn, dass das musikalische Material und seine Entwicklung signifikant  und tiefgründig genug wären, um es als »Konzert« zu bezeichnen.

Wie gestaltet sich die Beziehung zwischen Solist und Orchester?
Der Solovioline steht ganz klar im Zentrum des Stücks. Das wird gleich am Anfang deutlich, wo der Solist nach einem Paukenwirbel und einer kurzen Bläserfigur seinen Auftritt hat. Das Orchester erfüllt trotzdem eine wichtige Rolle, weil Bruch  an vielen wesentlichen Stellen, beispielsweise beim Eintritt des Seitenthemas im ersten oder in der Durchführung des zweiten Satzes, in einen Dialog zwischen Solist und Orchester geht. Die Durchführung des ersten Satzes gipfelt in einem ausgedehnten, dramatischen Orchestertutti. Aber zum Schluss behält die Violine das letzte Wort, mit zwei rezitativischen Solos, die ein Echo auf die Eröffnung sind.

Wenn der Name Max Bruch heute auf den Konzertprogrammen steht, dann wird in den meisten Fällen sein Erstes Violinkonzert aufgeführt.  Woran liegt es, dass seine anderen Stücke kaum bekannt sind?
Max Bruch schrieb im Laufe seiner langen, fruchtbaren Karriere viele wunderbare Werke, einschließlich der Schottischen Fantasie, Kol Nidrei und zwei weiterer Violinkonzerte sowie toller Kammermusik. Ihn frustrierte zu Lebzeiten sehr, dass die meisten Menschen nur sein Erstes Violinkonzert und nicht seine anderen Kompositionen kannten. Einen Grund sehe ich darin, weil Bruch seinen romantischen, üppigen Kompositionsstil bis zum Schluss beibehielt. Er ging stilistisch nicht mit der Zeit.

Marek Janowski
(Foto: Felix Broede)
Max Bruch und Joseph Joachim
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)