Online-Festival: »Die Goldenen Zwanziger«

Vor dem Absturz

Jüdische Komponisten im Berlin der 1920er-Jahre

Werner Richard Heymann dirigiert seine Filmmusik zu »Ihre Hoheit befiehlt«.
(Foto: Elisabeth Trautwein-Heymann)

23 Jahre alt und bereits von den Berliner Philharmonikern aufgeführt. Was aus heutiger Sicht ungewöhnlich erscheint, war in den 1920er-Jahren keine Seltenheit. Kurt Weill hatte genau dieses Alter, als die Berliner Philharmoniker im März 1923 seine Fantasie, Passacaglia und Hymne uraufführten. Auch wenn diesem Stück – so ein Kritiker in den Signalen für die musikalische Welt – »größere Gedanken« fehlten, sei der Autor zweifelsohne ein »Talent«. Ein ähnliches Urteil erntete auch Werner Richard Heymann, dessen Rhapsodische Sinfonie für großes Orchester und Baritonsolo im Dezember 1920 in einem philharmonischen Konzert erklang. Außerdem stellt der Rezensent fest: »Heymann ist im Grunde seines Herzens Melodiker«. Das Werk des damals 23-Jährigen wurde von zwei renommierten Interpreten dargeboten: dem gefeierten Leipziger Generalmusikdirektor Gustav Brecher und dem Bariton Wilhelm Guttmann.

Kurt Weill und Werner Richard Heymann gehörten zu einer Generation junger Komponisten, die nach Ende des Ersten Weltkriegs in den Startlöchern standen, eine atemberaubende Karriere zu machen. Genauso wie Friedrich Hollaender, der zum damaligen Zeitpunkt zusammen mit Heymann das von Max Reinhardt gegründete Kabarett Schall und Rauch musikalisch leitete. Die drei eint nicht nur, dass sie über Talent, Kreativität und musikalischen Einfallsreichtum verfügten, sondern auch, dass sie aus jüdischen Familien stammten.

Am Puls der Zeit

Eigentlich wollten sie auf dem Gebiet der »ernsten« Musik reüssieren, doch die quirlige Operetten-, Revue-, Varieté-, Kabarett- und Filmszene im Berlin der 1920er-Jahre bot Komponisten wie ihnen genügend Möglichkeiten, sich zu entfalten und neue musikalische Formate auszuprobieren. Mit dem Aufkommen des Tonfilms ergab sich dann noch ein weiteres Betätigungsfeld. Friedrich Hollaender und Werner Richard Heymann zählten zu den Männern der ersten Tonfilmstunde. Während Hollaender mit abgründigen und überdrehten Kabarettcouplets wie beispielsweise Oh Mond und Die Kleptomanin sowie der Musik und den Chansons zum Blauen Engel Erfolge feierte, begeisterte Heymann mit Filmmusiken zu den Streifen Melodie des Herzens, Liebeswalzer und Die drei von der Tankstelle  das Publikum. Er, der »Melodiker«, ist der Schöpfer des zündenden Schlagers Ein Freund, ein guter Freund, des romantischen Couplets Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen und des melancholischen Evergreens Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück. Die besondere Mischung aus Romantik, Ironie und Distanziertheit seiner Lieder, entsprach so ganz dem damaligen Lebensgefühl. »Sie kennen mich nicht, aber Sie haben schon viel von mir gehört«: Mit diesen Worten stellte sich Werner Richard Heymann, der meistgespielte Filmkomponist jener Zeit, gerne vor. Kurt Weill wiederum wurde durch seine neuartigen Musiktheaterwerke Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny berühmt, die in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht entstanden. Auch er traf mit seiner unerbittlichen und lakonischen Musiksprache den Nerv der Zeit. Es gab noch eine ganze Reihe jüdischer Komponisten, die für mitreißende musikalische Unterhaltung im Berlin der Goldenen Zwanziger sorgten, beispielsweise Paul Abraham, Mischa Spoliansky oder Franz Wachsmann.

Ein jähes Ende

Für sie alle waren die 1920er-Jahre wirklich eine »goldene« Zeit: inspirierend, spannend, erfolgreich. Doch das änderte sich. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gab es für sie, die »Nichtarier«, plötzlich keine Wirkungsmöglichkeiten mehr. Es blieb nur noch die Emigration. Die meisten gingen nach Amerika und hofften, dort an ihre europäischen Erfolge anknüpfen zu können. Doch der Neustart erwies sich in der Regel schwieriger als erwartet. Für Paul Abraham gestaltete sich das amerikanische Exil besonders desaströs. Gezeichnet von einer Syphiliserkrankung, verbrachte er die Zeit in den USA in einem Hospital, ehe er 1956 nach seiner Rückkehr nach Deutschland durch einsetzende Tantiemenzahlungen in relativ gesicherten Verhältnissen leben konnte. Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender und Franz Wachsmann fanden ihren Weg in die Filmstudios von Hollywood. Während Heymann und Hollaender in den 1950er-Jahren nach Deutschland zurückkehrten, blieb Wachsmann in den USA. Er wurde unter dem Namen Franz Waxman einer der erfolgreichsten Filmmusikkomponisten seiner Zeit. Und auch Kurt Weill konnte sich in den USA eine neue Karriere aufbauen – als Musicalkomponist am Broadway.

Epilog

Und was geschah mit dem Dirigenten Gustav Brecher  und dem Bariton Wilhelm Guttmann, die bei der Aufführung von Heymanns Rhapsodischer Sinfonie mitwirkten und ebenfalls jüdischer Herkunft waren? Gustav Brecher, der 1933 von seinem Amt als Leipziger Generaldirektor entbunden wurde, floh vor den Nazis nach Belgien, wo er sich 1940 nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen das Leben nahm. Wilhelm Guttmann brach 1941 bei einem Liederabend auf offener Bühne tot zusammen, nachdem er bei einem Verhör durch die Gestapo schwer misshandelt worden war.


Buster Keaton mit Friedrich Hollaender (3. von links) und Franz Waxman (4. von links) bei einem Besuch 1930 in den Ufa-Studios Neubabelsberg
(Foto: Masheter Movie Archive / Alamy Stock Foto)
Kurt Weill
(Foto: Bundesarchiv)
Werner Richard Heymann
(Foto: Elisabeth Trautwein-Heymann)
Friedrich Hollaender
(Foto: akg-images)