Online-Festival: »Die Goldenen Zwanziger«

Rein ins Vergnügen!

Berlin und sein Nachtleben in den 1920er-Jahren

Die Tiller-Girls gehörten neben den Scala-Girls zu den Stars im berühmten Varietétheater Scala
(Foto: ullstein bild)

Künstlerisch galt Berlin als das Epizentrum der Moderne – hier gab es drei große Opernhäuser, über 40 Theater und etwa 20 Konzertsäle, davon acht mit mehr als 1000 Plätzen. So unterschiedliche Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Erich Kleiber, Hermann Scherchen, Jascha Horenstein, Leo Blech oder Fritz Stiedry gaben sich in der Philharmonie in der Bernburger Straße die Klinke in die Hand. Alban Bergs Oper Wozzeck wurde in der Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt, Franz Lehárs Land des Lächelns im Metropol-Theater. In der Kroll-Oper, der zweiten Spielstätte der Staatsoper, machte Otto Klemperer mit sensationellen Aufführungen von sich reden.

Projektionsfläche für Träume und Wünsche

Berlin galt als Europas Buch- und Pressekapitale. Knapp 1000 Verlage hatten an der Spree ihren Sitz. 1928 erschienen deutschlandweit 3356 Tageszeitungen, 147 davon alleine in Berlin. Die Reichshauptstadt war aber auch das Zentrum der deutschen Filmindustrie. Über 90 Prozent aller deutschen Spielfilme wurden in Berlin und Potsdam-Babelsberg gedreht. 1928 gab es in Berlin knapp 400 Kinos mit Platz für 150.000 Zuschauer. Der Kunsthandel blühte – Galeristen wie Alfred Flechtheim und Karl Nierendorf eröffneten in Berlin neue Ausstellungsräume. In über 500 Galerien zeigte man Werke von internationalen Künstlern wie Lyonel Feininger, Pablo Picasso und Paul Gauguin. In Museen wie dem einstigen Kronprinzenpalais – hier wurde Wilhelm II. geboren – hingen die Bilder von George Grosz, Oskar Kokoschka und Otto Dix. Besucher aus dem In- und Ausland wie die beiden englischen Schriftsteller W. H. Auden und Christopher Isherwood fühlten sich geradezu magisch von Berlin angezogen – von der Größe der Stadt, ihrem Tempo, vor allem aber von ihrem Nachtleben. Alles schien möglich, alles war möglich. Berlin war eine Projektionsfläche für Träume und Wünsche sowie ein Versprechen auf ein anderes, ein freieres, ein besseres Leben. »Die Stadt hatte einen juwelenartigen Glanz«, so die amerikanische Tänzerin und Sängerin Josephine Baker. »Die riesigen Cafés erinnerten mich an Ozeandampfer, die vom Rhythmus ihrer Orchester angetrieben werden. Überall war Musik.«

Das süße Leben

Ausgangspunkt für abendliche Ausflüge war oft die Augsburger Straße, die damals zu Berlins Amüsiermeilen zählte. Dort, wo sie in die Lutherstraße mündete, lag die »Scala« – das berühmteste Varietétheater der Reichshauptstadt. Die Comedian Harmonists traten hier ebenso auf wie die Scala-Girls, eine Gruppe von 24 zumeist leicht bekleideten Tänzerinnen. Neben der Scala befand sich das berühmte Restaurant Horcher. Wer hier zu speisen wünschte, brauchte ein gut gefülltes Portemonnaie und viel Geduld, denn die Geschäfte liefen glänzend und das kleine Etablissement war in der Regel ausgebucht. Zu den Stammgästen zählten neben Schauspielern insbesondere viele Politiker und Diplomaten. Bei Horcher aß und sprach man Französisch. Fast alle Gerichte wurden am Tisch zubereitet. Zu den Spezialitäten zählten die »Medaillons Horcher« sowie der »Faisan de presse«, für dessen Zubereitung die Knochen eines Fasans durch eine versilberte Presse gedreht wurden und so eine äußerst gehaltvolle Sauce entstand. Auch sämtliche Süßspeisen – hauptsächlich Crêpes in allen denkbaren Variationen – wurden vor den Augen der Gäste kreiert und flambiert.

Vielseitige Subkultur

Die Reichshauptstadt Berlin verfügte aber auch über eine weitverzweigte und vielseitige Subkultur. Etablissements wie das sagenhafte »Eldorado« in der Schöneberger Motzstraße schafften es sogar in die Reiseführer. Der Schriftsteller Emil Szittya erinnerte sich an einen Besuch in der Transvestitenbar Mikado: »Am Klavier saß Herr Baron Sattlergrün, der sich aber Baronin nennen ließ.« Legendär war auch die »Silhouette«: eine kleine, stets verrauchte Kneipe, in der bis in die frühen Morgenstunden Betrieb war. Ein blasser Jüngling in Damenkleidern sang dann, von einem blinden Pianisten begleitet, melancholische Lieder, während die Gäste Hühnersuppe schlürften. Marlene Dietrich sowie der Komponist Friedrich Hollaender gehörten zu den Stammgästen der »Silhouette«.

Genuss auf 2800 m2

Sehr viel gediegener ging es im Kaffehaus »Moka Efti« zu, das 1926 von einem griechischstämmigen Kaufmann an der Leipziger/Ecke Friedrichstraße eröffnet wurde. Drei Jahre später zog das »Moka Efti« in das gegenüberliegende Geschäftshaus und wurde zu einem der angesagtesten Lokale: Die Gäste erreichten die Räumlichkeiten im Ambiente von 1001 Nacht über eine Rolltreppe. Auf 2800 m2 konnten sie Kaffee trinken, tanzen und Geschäfte machen. Denn neben der Bewirtung gab es noch einen Friseursalon, ein Schreibzimmer mit Sekretärinnen zum Mieten und ein Postamt. Das »Moka Efti« florierte: 25 000 Tassen Kaffee fanden täglich ihre Abnehmerinnen und Abnehmer. Im Rahmen unseres Online-Festivals erinnern die Schauspielerin Dagmal Manzel und Mitglieder der Berliner Philharmoniker unter dem Motto Ein Abend im Moka Efti an die wilden Nächte im Berlin der Goldenen Zwanziger.


Eingang zum Varieté Scala
(Foto: Wikimedia Commons)
Die Comedian Harmonists in der Philharmonie in der Bernburger Straße
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Das Eldorado
(Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons)
Türkischer Salon im Moka Efti in der Friedrichstraße
(Foto: Imago)
Trude Hesterberg
(Foto: Alexander Binder/Wikimedia Commons)
Josephine Baker 1927
(Foto: Lucien Walery/Wikimedia Commons)