Online-Festival: »Die Goldenen Zwanziger«

Modern Times

Die Musikszene der 1920er-Jahre

Das »Watschenkonzert« mit Arnold Schönberg als Dirigent; Karikatur in »Die Zeit« vom 6. April 1913
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

In den 1920er-Jahren waren viele der legendären, von der Musik der Moderne ausgelösten Kontroversen bereits Vergangenheit. Zu ihnen gehörten die von Zuschauer-Randalen begleitete Generalprobe von Debussys Oper Pelléas et Mélisande im Jahr 1902, die äußerst umstrittenen Aufführungen von Gustav Mahlers Symphonien, die Konzerte mit Werken Arnold Schönbergs und seiner Schüler, bei denen wütende Reaktionen des Publikums eher die Regel als die Ausnahme waren und natürlich der Skandal um Igor Strawinskys Le Sacre du printemps 1913 in Paris. Als programmierten Skandal müsste man auch Richard Strauss´ Salome in die Reihe aufnehmen, hätte sich die Dresdner Uraufführung des von der Wiener Hofoper aus »sittlichen« Gründen abgelehnten Musikdramas nicht 1905 als eine Art Skandal-Triumph erwiesen.

Junge Komponistengeneration

Im Jahrzehnt zwischen 1910 und 1920 starben Mahler, Debussy und der esoterische Extremist Alexander Skrjabin. Richard Strauss´ Musik provozierte seit dem Rosenkavalier nur avantgardistischer gesinnte Kollegen, die ihm einen »Verrat an der Moderne« vorwarfen; Alban Berg, dessen Altenberg-Lieder die Tumulte beim berühmten »Watschenkonzert« ausgelöst hatten, feierte mit der Uraufführung der Oper Wozzeck den größten Erfolg seiner Karriere; und Igor Strawinsky hatte sich mit der Wendung zum Neoklassizismus zu einer wenigstens scheinbar zugänglicheren und konzilianteren Tonsprache bekehrt. Die Skandale ernteten in den 1920er-Jahren die nachrückenden Komponisten: Der kompromisslose Ruhestörer Edgard Varèse, der zwar nur ein Jahr jünger war als Strawinsky, aber erst mit seinem 1926 uraufgeführten Orchesterwerk Amériques nachhaltig auf sich aufmerksam machte; Paul Hindemith, dessen wüste Kurzopern-Trilogie, Das Nusch-Nuschi (1921), Mörder, Hoffnung der Frauen (1921) und Sancta Susanna (1922), besonders religiöse und nationalistische Gemüter erzürnte; und Béla Bartók. Sein von Sexualität- und Gewaltdarstellungen geprägtes Ballett Der wunderbare Mandarin wurde nach der Uraufführung in Köln vom Spielplan genommen. Und Schönberg? Aufregung um seine Musik gab es zwischen 1917 und 1923 aus dem einfachen Grund nicht, weil der Komponist in dieser Periode kein einziges neues Werk veröffentlichte. Diese Jahre waren die Inkubationszeit der Zwölf-Ton-Technik, die neben dem Neoklassizismus Strawinskys zur zentralen Stilrichtung der (erwachsen gewordenen) Neuen Musik wurde.

Berlin, eine Metropole der Musik

Neben Paris und Wien hatte sich mittlerweile auch Berlin mit seinen hervorragenden Opernhäusern und Symphonieorchestern als Metropole der Musik etabliert. In der Stadt lebten in den 1920er-Jahren Ferruccio Busoni, der die Radikalität seiner Kollegen wenn auch nicht in seinen Werken, so doch in seiner theoretischen Schrift Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst noch übertroffen hatte, der als Opernkomponist erfolgreiche Franz Schreker, Kurt Weill und Hanns Eisler, die Elemente der Unterhaltungsmusik in die »seriöse« Musik einbrachten, und ab 1925 auch Arnold Schönberg, der nach seinem dritten Umzug aus Wien als Kompositionsprofessor an der Universität der Künste amtierte. Richard Strauss allerdings hatte 1918 nach fast 20 Jahren die deutsche Hauptstadt verlassen. Mit fünf Musikdramen, die sich bis heute im Standardrepertoire der Opernhäuser gehalten haben, war die Berliner Zeit wahrscheinlich die produktivste Periode im Schaffen des Komponisten; an diese Erfolge konnte er in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr anknüpfen.

Berliner Philharmoniker – am Puls der Zeit

Ein Blick in die Aufführungsstatistik der Berliner Philharmoniker zeigt die beeindruckende Präsenz der Zweiten Wiener Schule, aber auch die der übrigen zentralen internationalen Strömungen der Neuen Musik an der Spree: Von Alban Berg, dessen Wozzeck ebenfalls in Berlin uraufgeführt wurde, hob das Orchester nicht weniger als drei zentrale Werke aus der Taufe: Zwei der drei Orchesterstücke op. 6, das Kammerkonzert und die Orchesterversion der Lyrischen Suite. Chefdirigent Wilhelm Furtwängler setzte immer wieder Werke Paul Hindemiths auf die Programme seiner Konzerte; ein Engagement, das später zu einem dramatischen Konflikt mit den Nationalsozialisten führen sollte. Furtwängler stand aber auch am Pult, als Strawinsky 1924 als Solist in seinem Klavierkonzert auftrat. Als Pianisten konzertierten in dieser Zeit auch Béla Bartók und Sergej Prokofjew mit eigenen Kompositionen beim Orchester. Die Uraufführung von Schönbergs Variationen für Orchester op. 31 unter der Leitung Furtwänglers rückte dann im Dezember 1928 die Verhältnisse in der Welt der neuen Musik wieder zurecht: Alban Berg bestand zwar darauf, dass durchaus auch applaudiert worden sei; die Musikgeschichte verzeichnet die Aufführung aber als einen der vielen Skandale, die die Laufbahn des möglicherweise radikalsten Komponisten der modernen Musik säumten.

 

Feruccio Busoni im Kreis seiner Schüler, darunter Kurt Weill (links)
(Foto: Akademie der Künste)
Arnold Schönberg 1927
(Foto: Arnold Schönberg Center/Wikimedia commons)
Paul Hindemith