»Bei diesem Stück verliere ich einen Teil meiner Seele«

Der Geiger Frank Peter Zimmermann im Gespräch

Frank Peter Zimmermann
(Foto: Iréne Zandel)

Im Alter von 19 Jahren trat der Geiger Frank Peter Zimmermann zum ersten Mal bei den Berliner Philharmonikern auf – und eroberte das Orchester, das Publikum und die Presse mit seinem seelenvollen Ton und seiner mitreißenden Gestaltungskraft im Sturm. Seither gehört der Musiker zu den geschätzten künstlerischen Freunden der Philharmoniker. Diese Saison ist Frank Peter Zimmermann zum ersten Mal mit Chefdirigent Kirill Petrenko zu erleben  – als Solist in Alban Bergs Violinkonzert. In unserem Interview verrät er, was dieses Stück für ihn bedeutet, warum er die Zusammenarbeit mit dem Orchester so liebt und er nie etwas anderes werden wollte als Geiger.

Was hat Sie dazu motiviert, professioneller Musiker zu werden?
Ich stamme aus einer Musikerfamilie, meine Eltern waren Streicher. Ich bin also mit klassischer Musik aufgewachsen. Meine Mutter hörte so gerne die Aufnahmen von Maria Callas, mein Vater die des Geigers Leonid Kogan und jeden Sonntag traf man sich bei uns zum Streichquartettspiel. Eigentlich sollte ich Klavier lernen, weil mein Großvater für mich ein Instrument gekauft hat. Aber das hat mich nicht interessiert, ich wollte schon immer Geige spielen und wusste schon früh, dass dies mein Beruf wird: »Ich möchte Weldgeiger werden«, schrieb ich als Sechsjähriger in mein Schulheft.

Was lieben Sie an Ihrem Instrument am meisten?
Die Geige ist mein Instrument. Ihr facettenreicher Klang ermöglicht mir, mich selbst auszudrücken. Ich mag es, mit ihr als obere Stimme alle anderen anzuführen. Außerdem gibt es für sie ein umfangreiches, interessantes und technisch anspruchsvolles Repertoire.

Welche Künstler und Komponisten haben Sie bislang am meisten inspiriert?
Zu meinen »Geigengöttern« gehören David Oistrach, Nathan Milstein und Arthur Grumiaux, der – wie ich finde – so ein spezielles »Parfüm« im Klang hatte, außerdem Jascha Heifetz und Itzhak Perlman. Diese Geiger zeichnen sich durch ihren unverwechselbaren Personalstil aus. Bei den Komponisten sind Bach, Mozart und Beethoven meine Leitsterne.

Mit den Berliner Philharmonikern führen Sie in dieser Saison das Violinkonzert von Alban Berg auf. Was möchten Sie in diesem Werk zum Ausdruck bringen, worin liegt die Herausforderung des Stücks?
Dieses Werk habe ich schon sehr oft gespielt. Es ist zusammen mit dem Beethoven-Konzert meine musikalische Visitenkarte. Von Berg kammermusikalisch angelegt, erfordert es ein intensives Miteinander von Solist und Orchester. Es ist ein sehr berührendes Stück, ein Requiem für ein jungverstorbenes Mädchen, deren Leben, Tod und Verklärung musikalisch sehr beziehungsreich geschildert wird. Wenn ich dieses Stück spiele, durchlebe ich das Schicksal dieses Mädchens und danach habe ich erst einmal das Gefühl, einen Teil meiner Seele verloren zu haben.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern?
Ich arbeite seit 1985 mit dem Orchester zusammen. Unser Verhältnis ist sehr familiär und locker, weil ich die Musikerinnen und Musiker schon jahrelang kenne. Mir gefällt ihre ganz eigene, individuelle Art des Musizierens. Ich erlebe mit den Philharmonikern die intensivste Woche des Jahres und die gemeinsamen Konzerte sind für mich das Highlight der Saison.

In dieser Saison präsentieren Sie mit dem Pianisten Martin Helmchen sämtliche Violinsonaten Beethovens. Was lieben Sie an Beethoven, vor allem an diesen Werken?
Meiner Meinung nach sind die 10 Violinsonaten von Beethoven das Neue Testament für die Geige – trotz des sehr virtuosen Klavierparts. Es ist spannend zu verfolgen, wie die Geige von Sonate zu Sonate immer selbständiger wird. Jede Einzelne ist eine Herausforderung für sich und stellt an den Interpreten neue Anforderungen. Man darf als Spieler keine Kompromisse eingehen. Schade nur, dass Beethoven vor Eintritt in seine Spätphase aufgehört hat, Violinsonaten zu komponieren. Einzig die Zehnte, die sehr intim und lyrisch gestaltet ist, geht in ihrem finale Variationssatz schon in Richtung Spätwerk. Je mehr ich mich mit den Sonaten beschäftigt, desto tiefere Einblicke gewinne ich. Als Geiger bin ich Beethoven sehr dankbar für diese Werke.