Verspielt, farbenreich, virtuos

Soloflötist Emmanuel Pahud über Flötenkonzerte von Ibert und Busoni

Soloflötist Emmanuel Pahud
(Foto: Sebastian Hänel)

Nur wenige Flötisten besitzen die Gabe, selbst die schwierigsten Werke voller Leichtigkeit und Eleganz zu spielen. Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, ist einer von ihnen. Regelmäßig tritt er auch als Solist vor das Orchester. In dieser Saison spielt er unter der Leitung von Daniel Barenboim Jacques Iberts Flötenkonzert und Ferruccio Busonis Divertimento für Flöte und Orchester. In unserem Interview erzählt er, warum Iberts Konzert so herausfordernd und Busonis Komposition so hörenswert ist und was es bedeutet, in der leeren Philharmonie aufzutreten. Das Konzert, in dem auch Berlioz‘ Symphonie fantastique erklingt, wird live in der Digital Concert Hall übertragen.

Jacques Ibert schrieb nicht nur das Konzert, sondern auch einige kammermusikalische Werke für die Flöte. Was faszinierte ihn an diesem Instrument?
Hier muss ich historisch etwas ausholen: Die Querflöte wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Theobald Böhm bautechnisch modernisiert. Wichtigste Neuerungen waren der Wechsel vom Holz- zum Metallkorpus und die Klappenmechanik, die das Instrument klangstärker, intonationssicherer und gleichmäßiger spielbar machten. Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich durch diese Erfindungen in Frankreich eine ganz neue Art des Flötenspiels. Die Querflöte war damals also ein neues, modernes Instrument. Eine ganze Generation französischer Komponisten, darunter auch Jacques Ibert, wollte die neuen Möglichkeiten der Flöte nutzen.

Sein Flötenkonzert gilt als eines der schwierigsten Werke der Literatur. Was macht dieses Stück so herausfordernd?
Das Werk ist für Marcel Moyse, den größten Flötisten der damaligen Zeit geschrieben, und daher auch sehr virtuos konzipiert. Ibert schöpft hinsichtlich des Tonumfangs, der Dynamik und Artikulation sämtliche Möglichkeiten des Instruments aus; dazu kommen die schnellen Wechsel in Tonhöhe und Klangfarbe. Es ist eine Herausforderung, dabei die Leichtigkeit in der Tongebung und Artikulation beizubehalten und darauf zu achten, dass das Instrument in der Tiefe stark bleibt und in der Höhe nicht schreit. Man braucht außerdem als Flötist eine große dynamische Bandbreite, um gegen das Orchester zu bestehen.

Da kommen wir auch gleich zur nächsten Frage: Wie gestaltet sich das Verhältnis von Solist und Orchester?
Ibert hat das Konzert sehr klangfarbenreich komponiert. Er verwendet viele Rhythmen, die aus dem Jazz sowie der Tanz- und Volksmusik kommen. Dadurch entstehen so viele schöne, verschiedene Stimmungen, die das Zusammenspiel prägen. Es gibt keine Konfrontation zwischen Solist und Orchester, sondern immer wieder Dialoge zwischen Solostimme und den verschiedenen Orchesterinstrumenten.

Iberts Konzert begleitet Sie Ihr ganzes Berufsleben. Wie hat sich Ihre Sicht auf das Konzert im Laufe der Jahre verändert?
Ich habe das Stück mehr als 200 Mal aufgeführt und ich kann immer noch nicht sagen, dass sich eine Gewöhnung eingestellt hat. Ich bin immer noch aufgeregt, wenn ich das Stück spiele – im positiven Sinne. Die verschiedenen Stimmungen des Konzerts, die unglaublich ausdrucksstarken Kantilenen sind wie eine Erzählung. Und mit der Erfahrung meiner 30-jährigen Berufslaufbahn, die geprägt ist von den Begegnungen und dem Austausch mit Dirigenten und anderen Musikern, fließen immer wieder neue Aspekte ein. Dadurch wird die Erzählung immer reicher …

Das Divertimento für Flöte und Orchester von Ferruccio Busoni wurde im Januar 1921 unter Leitung des Komponisten von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt. Ein Kritiker schrieb danach, es sei ein schwaches Stück. Was würden Sie diesem Kritiker sagen?
Ein Divertimento ist ein kleines, kurzes, verspieltes Stück. Da darf man keine Abgründe erwarten. Busoni schafft es, eine Brücke zwischen Klassik und Moderne zu schlagen. Diese verschiedenen Klangwelten seiner Musik machen es zu einem fantastischen Werk. Es bildet eine wunderbare Verbindung zwischen dem Ibert-Konzert und der Symphonie fantastique von Berlioz, die Daniel Barenboim im Anschluss daran dirigiert. Ich spiele dieses Mini-Flötenkonzert immer wieder gerne.

Obwohl Musik der 1920er-Jahre, merkt man diesem Werk sehr stark die Einflüsse aus früheren Epochen an. Welche stilistischen Anregungen hat Busoni aufgegriffen?
Seine Musik enthält jahrhundertealte Traditionen des Komponierens und blickt gleichzeitig in die Zukunft. Im Divertimento fallen einem beispielsweise in den Begleitfiguren die stilistischen Einflüsse von Mozart und der italienischen Oper auf, aber in der Melodiegestaltung und den harmonischen Fortschreitungen gibt sich Busoni progressiv.

Wie beeinflusst es Sie als Musiker, in der leeren Philharmonie zu konzertieren?
Es ist natürlich eine ganz andere Situation, ob wir vor 2400 Menschen musizieren oder eine Aufnahme einspielen. Bei Aufzeichnungen brauchen wir dynamisch nicht so viel zu geben, müssen dafür aber noch präziser in der Artikulation sein. Außerdem beeinflusst der leere Saal die Akustik und auch das gilt es, bei Konzerten ohne Publikum zu berücksichtigen. Dank der Digital Concert Hall können wir die Menschen zu Hause erreichen. Dadurch fühlen wir uns dann doch nicht mehr ganz so einsam. Aber wir wünschen uns alle, bald wieder in einer vollen Philharmonie vor Publikum zu spielen!

Videos