Corona Backstage

Ein Konzerthaus im Ausnahmezustand

(Foto: Stephan Rabold)

Welche Fallhöhe! Ende August 2019 lauschten 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauer dichtgedrängt beim Open-Air-Konzert am Brandenburger Tor der Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie und feierten auf diese Weise mit den Berliner Philharmonikern den Amtsantritt ihres neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Knapp sieben Monate später, am 12. März 2020, gab das Orchester sein erstes »Geisterkonzert« in der Philharmonie Berlin – ohne Publikum. Tags zuvor war vom Berliner Senat als eine der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie entschieden worden, dass die Kultureinrichtungen der Stadt schließen müssen. »Für uns war das ein riesengroßer Schock«, erinnert sich Intendantin Andrea Zietzschmann. »Solch eine Situation hat es vorher nie gegeben. Diese plötzliche Unsicherheit! Wir konnten damals noch gar nicht richtig einschätzen, was das für uns bedeutet.« Die Musikerinnen und Musiker erhielten die Nachricht während einer Orchesterprobe. »Wir waren fassungslos«, erzählt Solocellist und Medienvorstand Olaf Maninger. »Und dann auch erleichtert, als wir erfahren haben, dass wir das Konzert noch in unserer Digital Concert Hall übertragen dürfen.«

Ein Glücksfall: die Digital Concert Hall

Die Digital Concert Hall ist das zentrale Medium des Orchesters, um mit dem Publikum und den Fans in aller Welt in Kontakt zu bleiben. Nach Bekanntgabe des Lockdowns im März 2020 stellte das Orchester den Zugang zu seiner Streaming-Plattform für vier Wochen kostenfrei zur Verfügung. Ein Angebot, das auf großes Interesse stieß. In kurzer Zeit registrierten sich 700.000 neue Nutzer. Dank der Digital Concert Hall konnten während der Pandemie wichtige Konzertereignisse wie das Europa- und das Silvesterkonzert gestreamt werden. Und die Berliner Philharmoniker entwickelten und produzierten eigene Konzertformate wie das  Easter@Philharmonie-Festival, die Berlin Phil Series und die Kammermusikreihe Nahaufnahme Beethoven. »Wir haben mit viel Kreativität versucht, aus der Situation das Beste zu machen«, so Andrea Zietzschmann.

Auf einmal alles anders

Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus, dass nach der Schließung so schnell wieder Musik in der Philharmonie erklingen wird. Denn die Parole lautete zunächst: keine Proben, keine Konzerte, keine Aufnahmen. Von einem auf den anderen Tag gab es für die Musikerinnen und Musiker des Orchesters, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Veranstaltungstechnik, der Notenbibliothek, der Konzertkasse und des Veranstaltungsservice nichts mehr zu tun. Andere Abteilungen des Hauses wurden mit zusätzlicher Arbeit überhäuft und mit neuen Problemen und Aufgaben konfrontiert: »Wir mussten viel improvisieren und komplett neue Abläufe entwickeln«, erzählt Kerstin Glasow, Direktorin Kommunikation, Marketing und Vertrieb. »Zunächst galt es, unserem Publikum die verkauften Abonnements und Tickets zurückzuerstatten. In dieser Größenordnung gab es das bislang noch nicht.« Das künstlerische Betriebsbüro, die Schaltzentrale des Konzertbetriebs, wiederum war damit beschäftigt die Gastsolisten und -dirigenten zu kontaktieren und deren Auftritte abzusagen oder zu verlegen – gleichzeitig aber auch kommende Veranstaltungen für die nächste Saison zu planen. »Mein Leben hat sich grundlegend verändert«, meint Annette Mangold, Leiterin der Konzertplanung. »Früher war ich mehrmals die Woche bei Konzerten in der Philharmonie, habe das Orchester auf seinen Tourneen begleitet. Das fällt alles weg. Normalerweise finden unsere Konzerte mit zwei bis drei Jahren Vorlauf statt. Jetzt weiß ich nicht, was in den nächsten zwei bis drei Wochen geschieht.«

Philharmonie als Forschungsprojekt

Die Berliner Kulturinstitutionen standen im ständigen Austausch. Die Unsicherheit war groß. Alle trieb die Frage: »Wann geht es wieder weiter? Wie geht es wieder weiter?« Die Stiftung Berliner Philharmoniker arbeitete von Anfang an eng mit der Technischen Universität und der Charité zusammen, die ein Forschungsprojekt initiiert hatten und dabei auch die Aerosolverteilung in den beiden Konzertsälen des Hauses untersuchten. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Funktion der Lüftungsanlage. Welche Erleichterung, als bestätigt wurde, dass die Anlage, die mit 100% Frischluft betrieben wird, den Sicherheitsstandards entspricht. Unter Hochdruck wurden Hygienepläne erarbeitet – zunächst für die Musikerinnen und Musiker, die – unter Einhaltung von strengen Sicherheitsabständen – wieder in kleinen Gruppen proben und für die Produktionen der Digital Concert Hall auftreten durften, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses und später, als sich eine Öffnungsperspektive abzeichnete, auch für das Publikum. Bei der Entwicklung eines Hygienekonzepts für den Konzertbetrieb musste Vieles ganz neu gedacht werden: der Kartenverkauf, die Sitzplatzverteilung, das Wegeleitsystem …

Es geht weiter

Im August 2020 standen die Zeichen auf einen vorsichtigen Neuanfang: Konzerte ja, aber nur bis maximal 500 Besucher und mit einer Orchesterbesetzung in Kammermusikformat. So durfte beispielsweise pro Pult nur eine Streicherin, ein Streicher spielen. Wieder war die Organisation vor große Herausforderungen gestellt. Die Konzertprogramme mussten an die Hygienevorgaben angepasst und die Änderungen über die Print- und Online-Medien kommuniziert werden. Da nur eine beschränkte Besucherzahl erlaubt war, konnten die Abonnementreihen nicht wie geplant verkauft werden. Um den Hygienevorschriften zu entsprechen, durften keine konkreten Plätze, sondern nur die Zuweisung zu einem bestimmten Block angeboten werden. Dafür mussten die Datenbanksysteme umprogrammiert werden, um den neuen Verkaufsregeln zu entsprechen. Als Entschädigung für die nicht stattfindenden Abo-Reihen erhielten die Abonnentinnen und Abonnenten ein Vorkaufsrecht auf die Tickets. »Wir sind sehr glücklich, dass unser Publikum all diese Angebote und die Maßnahmen begeistert angenommen hat«, sagt Kerstin Glasow.

Gelungener Neustart

Optimismus machte sich breit, als Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker am 28. August 2020 erstmals wieder vor einer kleinen, weit auseinander sitzenden Zuhörerschaft spielten und mit der Kammermusikfassung von Schönbergs Verklärter Nacht und Brahms‘ Vierter Symphonie die neue Saison eröffneten. Noch saßen die Streicherinnen und Streicher jeweils an einem eigenen Pult und die Bläser waren in gebührendem Abstand dazu platziert – aber immerhin. Ein vielversprechender Anfang war gemacht. Es folgte ein weiterer Meilenstein: Das Pharma-Technologie-Unternehmen Centogene testet seit September 2020 als Sponsor die Orchestermitglieder zweimal pro Woche auf SARS-CoV-2 und garantiert somit einen weiteren wichtigen Baustein im Hygienekonzept des Konzertbetriebs. Der Saisoneröffnung folgten eine Reihe glanzvoller Konzertereignisse: das Gastspiel Kirill Petrenkos und der Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, die Auftritte Daniil Trifonovs mit Beethovens Drittem Klavierkonzert, der Einstand der Bratschistin Tabea Zimmermann als Artist in Residence oder die Debüts von Lahav Shani und Francesco Piemontesi. Daniel Harding, Frank Peter Zimmermann, Marek Janowski, François-Xavier Roth, Marc Minkowski und Daniel Barenboim – sie alle freuten sich, in diesen Zeiten mit den Berliner Philharmonikern konzertieren zu können. Beim Konzert mit Daniel Barenboim Ende Oktober 2020 gab es weitere Verbesserungen für die Musikerinnen und Musiker: Die Streicher durften wieder zu zweit am Pult sitzen und auch die Abstände zwischen den Bläsern verringerten sich. Ab November 2020 sollte sich auch die Zahl der zugelassenen Konzertgäste von 500 auf 1000 erhöhen – doch dann kam der zweite Lockdown. »Den empfand ich als schweren Rückschlag«, sagt Andrea Zietzschmann. »Weil wir erkennen mussten, dass der Kultur in den politischen Diskussionen wenig Augenmerk geschenkt wurde und Museen, Theater und Konzerthäuser trotz nachweislich sehr guter Hygienekonzepte und Bedingungen wieder schließen mussten.«

Zwischen Hoffnung und Enttäuschung

Der Konzertbetrieb vor Publikum wurde wieder eingestellt, doch für die Digital Concert Hall konnten die Berliner Philharmoniker ihre geplanten Konzertprogramme weiterspielen. Allerdings mussten alle Konzertreisen abgesagt werden: die November-Tournee in die USA, die kurzfristig als ihr Ersatz organisierte Gastspielreise durch Deutschland sowie der Trip nach Spanien Anfang Mai 2021. Aus der Biennale, die die Berliner Philharmoniker zum Thema Die Goldenen Zwanziger im Februar 2021 veranstalten wollten, wurde ein Online-Festival. Nach wie vor wird im Hintergrund fieberhaft gearbeitet, um sich der ständig ändernden Situation anzupassen. »Wir planen auf Sicht – und oft für den Papierkorb. Das ist emotional sehr anstrengend. Aber es geht allen in der Branche gleich«, erzählt Annette Mangold.

Ein Jahr permanentes Krisenmanagement liegt nun hinter den Berliner Philharmonikern. Ein Jahr voller Unsicherheit, Absagen und Umplanungen sowie ständiger Überzeugungsarbeit und Beharrlichkeit gegenüber der Politik – und doch auch ein Jahr voller positiver Erfahrung. »Es waren für uns keine verlorenen Monate«, resümiert Andrea Zietzschmann. »Kirill Petrenko und das Orchester sind stärker zusammengewachsen und wir als Team in der Philharmonie auch. Außerdem haben wir uns  innerhalb der Berliner Kulturinstitutionen durch die Krise besser denn je vernetzt. Auch in der gesamten Musikszene gab es einen starken Zusammenhalt. Und wir haben viele Menschen für unsere Digital Concert Hall begeistern können. Das sind alles positive Entwicklungen.« Mittlerweile zeichnet sich ein kleiner Hoffnungsschimmer ab, dass trotz Pandemie unter gewissen Voraussetzungen wieder Konzerte vor Publikum möglich werden können – durch ein Pilotprojekt, das vom Berliner Senat für Kultur und Europa initiiert wurde. Dabei soll die Praktikabilität von Veranstaltungen in Verbindung mit SARS-CoV-2-Antigen-Tests ausprobiert werden. Das von den Berliner Philharmonikern angebotene Konzert am 20. März war innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft und zeigt, wie sehr sich die Menschen nach Live-Konzerten sehnen. Das Gemeinschaftsgefühl, das Aufführende und Publikum bei einem Live-Konzert verbindet, ist durch nichts zu ersetzen.


Konzerte in Zeiten der Pandemie