»Strom«: das Festival für elektronische Musik

Am 7. und 8. Februar in der Philharmonie Berlin / Von Stefan Goldmann

Ein Kellerraum, in dem die Anlage unterschiedliche Körperteile zu einzelnen Komponenten des Klangs resonieren lässt. Wäre da nicht das Stroboskop mit 720 Blitzen in der Minute, würde man weder den DJ noch die verschwitzten Tänzer sehen. Das war ungefähr das Bild, dass sich den Besuchern dessen bot, was in Berlin und anderswo ab den frühen 1990er-Jahren als Prototyp des Techno-Clubs aufgekommen war. Die Musik, die diesen hervorbrachte, entstand nach Anregungen u. a. aus Düsseldorf (Kraftwerk) ab etwa 1986 in Chicago und Detroit und gelangte innerhalb weniger Jahre über Europa in alle Welt. Sie war minimalistisch, tanzbar und eingängig, dabei weitgehend atonal. Von den frühen Tagen geblieben ist neben den musikästhetischen Eckpfeilern vor allem der »Black Cube« als architektonischer Rahmen: Ein lichtarmer Quader, der möglichst ebenmäßig beschallt wird. Davon hat Berlin nicht wenige. Das Format der langen Clubnacht mit DJs ist dadurch in der Stadt so etabliert wie das Bandkonzert vor stehendem Publikum oder das Symphoniekonzert vor sitzendem. Dieser stabilen Ausgangslage steht ein ebenso weites wie quirliges Feld alternativer künstlerischer Forschung gegenüber, die andere Richtungen für die neugewonnenen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Dabei entstehen Fusionen mit anderen Musikpraktiken oder integrierte audiovisuelle und performative Formen, bei denen die ursprünglich zentrale Tanzbarkeit oft nur noch ferner Anklang ist. Zugleich tritt eine neue globale Generation von Künstlern an, die an Techno nicht durch Sozialisation im Club herangeführt wurde, sondern es im Internet entdeckte, sich aneignete und nun in eigenständige Kontexte überführt. Gemeinsam ist diesen Phänomenen, dass sie sich aus Möglichkeiten ableiten, die für repetitive elektronische Musik entwickelt wurden, aber nicht in eine reguläre Clubnacht passen wollen.

Alternative Ausdrucksmöglichkeiten

Hier tritt die Philharmonie auf den Plan, die sich erstmals mit einem Festival dem Phänomen Techno stellt. Mit der Möglichkeit, den Großen Saal zu bespielen, wird vier Künstlern mit sehr unterschiedlichen Ansätzen ein Forum geboten, sich konzertant mit einem Ort auseinanderzusetzen, der für das »reine Hören« konzipiert ist. Da ist zunächst das österreichische Duo Kruder & Dorfmeister, das mit seinem elektronischen Downtempo-Sound weltweit beispiellose Erfolge gefeiert hat. Außerhalb des Tanzbaren haben Kruder & Dorfmeister mit ihren »Private Collection«-Mixes Konzepte eines Auflegens für intimes Hören vorgelegt, bei dem statt der kinetischen die klangliche Qualität – das »Studio als Instrument« – im Mittelpunkt steht. Exemplarisch für die Suche nach alternativen Ausdrucksmöglichkeiten steht der britisch-chilenische Musiker Cristian Vogel. Er war seit Mitte der 1990er-Jahre einer der wichtigsten Vertreter eines deutlich experimentelleren, aber dennoch tanzbaren europäischen Ansatzes, den er in zahlreichen Veröffentlichungen festhielt. Auch im Saal spielen wird Ryoji Ikeda. Der japanische Künstler verbindet radikal minimalistische visuelle Techniken nahtlos mit digitaler Klangerzeugung. Einfachste, oft binäre Einheiten korrelieren dabei in Klang und Bild und werden von Ikeda mit digitalen Mitteln zu komplexen Strukturen verdichtet. Ebenso wird der Autor dieser Zeilen – Kurator des Strom-Festivals – gemeinsam mit dem argentinischen Videokünstler Javier Benjamin ein Konzert gestalten, dass speziell auf die Raumsituation des großen Saals zugeschnitten ist

Von der Peripherie her neu aufgerollt

Als Gegenpol richtet die zweite Bühne im weitläufigen und verwinkelten Foyer der Philharmonie den Fokus auf Formate mit stärkerer Publikumsinteraktion. Zugleich verfolgen die Künstler, die hier auftreten, Ansätze, die Techno von der Peripherie her neu aufrollen: Nina Kraviz ist derzeit eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Techno-Szene weltweit und trägt als DJ und Betreiberin des Labels Trip die höchst eigenständigen Erzeugnisse des russischen Undergrounds in die Welt. Ausgestattet mit einem geradezu enzyklopädischen Wissen der jüngeren Musikgeschichte und einer unerschöpflichen Neugier befördert sie übersehene Stücke und Künstler wieder an die Oberfläche. Eine parallele Entwicklung hierzu hat Deena Abdelwahed durchlaufen: Die tunesische Künstlerin geht der Frage nach, wie Techno klingen würde, wenn er von Arabern erfunden worden wäre. Im Sofia der 1990er-Jahre gab es keine Techno-Clubs. Diese Musik entdeckte KiNK im Internet und tastete sich mit primitiven Computerprogrammen und ausgiebigem Trial-and-Error an die Geheimnisse der rätselhaften Klänge heran. Heute ist KiNK einer der profiliertesten House- und Techno-Liveacts. Anders als DJs erzeugt er Klänge und Verlauf der Musik in Echtzeit, also in etwa so, wie Musiker akustische Instrumente handhaben. Das war bis vor wenigen Jahren gar nicht ohne weiteres möglich.

»Phosphor«

Ein Baustein dieser elektronischen Konzertpraxis ist die Software »Live« des Berliner Unternehmens Ableton, dessen Mitgründer Robert Henke selbst ein höchst einflussreicher Musiker ist, der Technologie und Techno weit über den Club hinausdenkt. Seine Performances und Installationen reichen von Tracks über großformatige audiovisuelle Werke zu komplexen Kooperationen wie etwa mit dem Komponisten Marko Nikodijevic und dem Ensemble intercontemporain. Im Hermann-Wolff-Saal wird er die Installation Phosphor zeigen, in der eine einfache wie präzise Technik komplexe Wirkungen hervorruft: Ein Laser zeichnet in eine dünne Phosphorschicht Muster, die aufscheinen, sich ausweiten und langsam wieder abklingen.

Stefan Goldmann ist Komponist elektronischer Musik, DJ und Produzent sowie Kurator des Strom-Festivals. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags für das Magazin 128 (Band 04/2019), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

Kruder & Dorfmeister
(Foto: Olga Latowa)
Nina Kraviz
(Foto: Camille Blake)
(Foto: Robert Henke)Christian Vogel
(Foto: privat)

Veranstaltung

Freitag,

07. Feb 2020,
20:00 Uhr

Philharmonie Berlin

Fr, 07. Feb 2020, 20:00 Uhr
Philharmonie Berlin

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Samstag,

08. Feb 2020,
20:00 Uhr

Philharmonie Berlin

Sa, 08. Feb 2020, 20:00 Uhr
Philharmonie Berlin

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