Broadway Berlin

Die Silvesterkonzerte mit Kirill Petrenko und Diana Damrau

Diana Damrau
(Foto: Juergen Frank)

Zum Jahreswechsel ist der Mensch gern in Gesellschaft. Da will man Nahestehenden in die Augen schauen und Wildfremde umarmen, und man sucht vielleicht auch einen Moment des Innehaltens, um sich gemeinsam auf Vergangenes zu besinnen und Zukünftiges herbeizuwünschen. Was könnte das besser befördern als die Musik, als ein Konzertbesuch mit 2249 anderen Menschen, zumal wenn es sich um ein Programm handelt, in dem das sprichwörtliche Feuerwerk schon allein von den Werktiteln her zu erwarten ist? Dezember 2019 ist es in der Philharmonie wieder soweit: Erstmals dirigiert der neue Chefdirigent ein Silvesterprogramm. Und es gab große Augen, als er der Öffentlichkeit seine Programmidee vorstellte: Mit der formidablen Sopranistin Diana Damrau zur Seite soll es Musik aus den USA geben, Musicalsongs vom Broadway und funkelnde Orchesterwerke, im Zentrum George Gershwin, dazu Leonard Bernstein, Kurt Weill und Stephen Sondheim. Aber wer Kirill Petrenkos Laufbahn nur ein wenig verfolgt hat, sollte gar nicht so sehr überrascht sein. Denn die Sphäre der Unterhaltungsmusik war ihm schon immer vertraut, das vermeintlich Leichte zählt sogar zu seinen ernsten Leidenschaften. Sein Debüt an der Wiener Volksoper galt Oscar Straus’ Walzertraum, Operetten von Johann Strauß bis Franz Lehár gehören zu seinem Repertoire genau wie Don Giovanni, Tristan und Isolde und Lulu.

Gershwin im Fokus

Wie sehr ihm das leichte Genre liegt, bewies er in diesem Sommer bei den Münchner Opernfestspielen bei einem großen Freiluftkonzert auf dem Marstallplatz hinter dem Nationaltheater. Unter wolkenlosem Himmel und vor gut 10.000 Besuchern präsentierte das Bayerische Staatsorchester einen warmen Juliabend lang – genau: Musik vom Broadway, darunter Gershwins Cuban Overture, Bernsteins Three Dance Episodes from »On the Town« und eine Reihe von Musicalsongs. Da staunte der Rezensent der Süddeutschen Zeitung: »Als würde Petrenko jeden Abend dieses Musicalrepertoire dirigieren, klingt alles ebenso detailverliebt wie mit wachem Ohr für das Ganze.« Die Abendzeitung hörte einen ungewöhnlichen Zugang zu dieser Art Musik heraus: »In den von Jazz und Blues durchtränkten amerikanischen Werken verzichtet er […] wohltuend darauf, das swingende Element besonders hervorzuheben. Vielmehr nimmt er Gershwins Tondichtung An American in Paris symphonisch ernst, legt Wert auf fein ausgesponnene Streicher und impressionistische Farben der Holzbläser.« George Gershwin ernst zu nehmen sollte allerdings selbstverständlich sein. Immer wieder wollte dieser wache Geist seine Kenntnisse erweitern; bis an sein Lebensende ließ er sich von verschiedenen Komponisten Unterricht erteilen. Seine Neugier auf andere Stilrichtungen war nicht zu stillen.

Liebe auf den ersten Ton

Es gibt, wie eingangs bemerkt, eine zweite Protagonistin in den bevorstehenden Berliner Silvesterkonzerten: die Sopranistin Diana Damrau. Eigentlich müsste sie ganz am Anfang unserer Tour d’horizon stehen – denn gemeinsam mit ihr den Abend zu gestalten, war für Kirill Petrenko der Ausgangspunkt seiner Planung. Die beiden sind schon seit bald 15 Jahren bestens miteinander bekannt: »Wir haben uns bei Ariadne auf Naxos kennengelernt, als ich in New York mein Met-Debüt hatte. Und das war wirklich Liebe auf den ersten Ton«, sagt die Sopranistin. »Es gibt so viel, was ich an ihm bewundere: seine Präzision, sein Suchen nach Klangfarben und nach dem treffenden Ausdruck, sein Bedürfnis, den Stücken auf den Grund zu gehen – und dabei doch immer frei zu sein, einfach Musik zu machen. Mit ihm fühle ich mich in den besten Händen.« Bisher haben die beiden neben der erwähnten Strauss-Oper auch dessen Vier letzte Lieder, einige Zauberflöten (in denen die Damrau mal als Königin der Nacht, mal als Pamina in Erscheinung trat) und eine gemeinsame Neuproduktion von Donizettis Lucia di Lammermoor absolviert.

Abseits des Ernsten kann auch Diana Damrau auf einschlägige Erfahrungen zurückgreifen – als Ensemblemitglied des Würzburger Stadttheaters ist sie, im Wechsel mit Auftritten als Königin der Nacht, sage und schreibe 60 Mal in die Rolle der Eliza Doolittle geschlüpft und hat My Fair Lady gesungen und getanzt. Mit dem Album Forever hat sie ihre Liebe zu Songs aus Wien, vom Broadway und aus Hollywood hinreißend dokumentiert. Der Reiz, auch zusammen einmal diese anderen Pfade zu gehen, hat die beiden offenbar fast gleichzeitig gepackt. So kam schnell eine lange Liste von Wunschstücken zusammen, aus der fürs Programm notgedrungen eine kleine Selektion zu treffen war. Außer dem Amerikaner werden aus Leonard Bernsteins West Side Story die Symphonischen Tänze zu hören sein. Diana Damrau bringt aus selbigem Musical den Song I Feel Pretty mit, beschwört Judy Garland mit Over the Rainbow aus The Wizard of Oz und freut sich auf Stephen Sondheim und Richard Rodgers. Zu dem einen oder anderen Song von Kurt Weill wird Kirill Petrenko noch selten zu hörende Orchesterstücke aus dessen amerikanischer Schaffensphase spielen.

Ein starkes Team

Und ein weiterer Gershwin soll dabei sein: die Ouvertüre zu Girl Crazy – ein Musical, dessen Titel man in etwa als »Verrückt nach Frauen« übersetzen könnte. Die Liste der Mitwirkenden bei der Produktion von 1930 liest sich wie ein Who’s who des musikalischen Showbusiness der Zeit: Benny Goodman, Glenn Miller, Jimmy Dorsey und Gene Krupa waren unter den Instrumentalisten, Ginger Rogers spielte mit, und Ethel Merman gab ihr Broadway-Debüt, indem sie in I Got Rhythm ein hohes C über 16 Takte lang aushielt, woraufhin das Publikum ausgeflippt sein soll. Der Song kommt natürlich auch in der Ouvertüre gebührend vor. Embraceable You war ein anderer großer Hit des Stücks. Des Umarmens wert dürften jede und jeder einzelne unter den Zuhörern der Berliner Philharmonischen Silvesterkonzerte sein – und genügend Rhythmus im Blut haben danach auch.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Malte Krasting für das Magazin 128 (Band 04/2019), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.